17. Eine verlorene Schlacht

Der dritte Tag neigte sich dem Ende zu und Chess ging es immer noch nicht besser. Taran hatte gestern Abend entschieden, dass wir ohne Chess aufbrechen würden und nun war Martha fleißig dabei unser Proviant vorzubereiten. Ich war allein in unserem Zimmer und blickte nach Draußen. Wir hatten seit dem Abend kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. Ich hatte zwar bemerkt das Taran ab und zu versuchte das Wort zu ergreifen, aber ich blockte ihn immer sofort wieder ab. Ich konnte ihn ja verstehen, aber dennoch. Einen Menschen vorsätzlich zu töten war in meinen Augen einfach falsch. Es muss einen besseren Weg geben und ich werde ihn einfach finden müssen! Schließlich war ich dafür hergekommen. Ich wollte den Bewohnern vom Unterland, den früheren Freunden von meiner Großmutter helfen. Vielleich weiß Mirana einen Weg. Ich seufzte und schloss das Fenster. Müde legte ich mich ins Bett und kurz darauf schlief ich ein.

»Wach auf! Lucilla!« Müde öffnete ich meine Augen und sah die verschwommene Gestalt von Taran, der sich leicht über mich beugte. Ernst funkelten mich seine grünen Augen, aus seinem halb verhüllten Gesicht, an. Entsetzt ob seiner Nähe drückte ich mich tiefer in mein Kissen. Genervt stöhnte er auf. »Tzz. Nun mach schon, wir müssen los!« Mit diesen Worten lehnte er sich zurück und stand vom Bett auf. Er drehte mir den Rücken zu und ging auf die Tür zu. Kurz bevor er durch die Tür schritt hielt er inne. »Unten wartet das vorerst letzte köstliche Frühstück auf uns. Also verpass es nicht.« Überrascht über seine Worte blickte ich zu ihm und sah noch wie er die Tür hinter sich schloss.

Müde rieb ich mir über die Augen und zündete eine weitere Kerze an. Wie spät es wohl sein mag? Draußen begann es schon langsam zu dämmern und man vernahm die ersten zaghaften Rufe der Vögel. Langsam stand ich auf und begab mich zur Waschschüssel. Verwirrt blieb ich davorstehen. Auf dem Tisch daneben lag ein Bündel dicker Kleidung mit einem Zettel oben drauf. Ich griff nach dem Zettel. Anziehen!, war das Einzige was da drauf stand. Argwöhnisch langte ich nach dem Bündel Kleidung und beäugte sie. Das Bündel bestand aus einer braunen Wildlederhose, mehreren Hemden aus dickem Stoff, einen dicken schwarzen Wollkragenpullover, einen grünen langen Ledermantel und einen dicken roten Schal. Ich schüttelte meinen Kopf und legte die Kleidung wieder zurück. »Wozu hatte ich denn meine eigene Kleidung? Die ist warm genug!«
Fertig gewaschen und angezogen und zwar mit meiner eigenen Kleidung traf ich unten in der Küche ein. Na gut. Den dicken roten Schal hatte ich mir noch umgebunden. Der war einfach super weich.

»Guten Morgen.« Nuschelte ich durch den Schal und Martha und Beys hielten in ihren Bewegungen inne. Ungläubig starrten die Beiden mich an. Nur Taran würdigte mich keines Blickes und aß einfach weiter. Mit einem unguten Gefühl trat ich auf den freien Stuhl neben Taran und setzte mich. Ich nahm mir ein warmes Brötchen und etwas Marmelade. Martha stelle mir eine Tasse mit heißer Schokolade vor die Nase und sah dabei Taran unsicher an. »Danke.« Murmelte ich mit vollem Mund. Alle waren still und meine eigenen Kaugeräusche kamen mir unheimlich laut vor. Beys und Martha hatten sogar ganz mit dem Essen aufgehört und warfen immer wieder unheilvolle Blicke zu mir und Taran herüber. Ich versuchte die seltsame Stimmung so gut es ging zu ignorieren, als Taran sein Messer laut auf seinen Teller legte. Ich zuckte durch das laute Klirren zusammen und sah verblüfft zu Taran.

»Was denkst du was du da tust?« Fragte er mich gereizt. Verwirrt hob ich meine Brauen.

»Frühstücken?«, fragte ich etwas unsicher. Taran schloss die Augen und atmete einmal tief ein. Beim Ausatmen öffnete er seine Augen und sah mich dämonisch an. Ich lies mein Brötchen fallen und rutschte etwas von ihm ab. Bei nahe wäre ich vom Stuhl gerutscht hätte er mich nicht am Arm gepackt. Fest drückte er zu und zog mich zurück. »Autsch« kam es gepresst über meine Lippen. Taran ließ meinen Arm sofort wieder los und ich rieb mir die schmerzhafte Stelle. »Was hast du für ein Problem?«, blaffte ich ihn an.

Seine Augen formten sich zu Schlitzen. »Was ich für ein Problem habe?«, spuckte er giftig aus.

»Ja, sag schon!« Sagte ich genauso giftig zurück.
Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Stuhl und stiefelte aufgebracht in der Küche umher. »Was ich für ein Problem habe, fragt sie!« Rief er höhnisch. Ich war verwirrt. War er jetzt verrückt?

»Habt ihr ihm etwas in den Tee getan?«, fragte ich Martha und Beys. Gleichzeitig schüttelten sie verneinend ihren Kopf. »Mhm«, was ist es dann? Fragte ich mich und sah wieder zu Taran, der wütend auf mich zu schritt. Vor dem Tisch blieb er abrupt stehen und knallte seine Fäuste auf den Tisch. Das Geschirr erzitterte und die Tassen kippten um.

»Das machst du doch mit voller Absicht!«, schnaufte er und sah mich anklagend an. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt und Beys und Martha anscheinend auch nicht. Denn sie sprangen schleunigst auf und verließen eilig die Küche.

»Jetzt guck was du angestellt hast!« Hielt ich ihm vor.

»Was ich angestellt habe?«, rief er ungläubig.

»Ja, du. Wegen dir ist der ganze Tee ausgelaufen und Martha und Beys hast du auch verschreckt!« Aufgebracht erhob ich mich und schob den Stuhl nach hinten. »Warum bist du bloß immer so gemein?«, fragte ich ihn und bohrte ihn meinen Finger in die Brust. Noch immer ungläubig sah er auf meinen Finger hinab und fing grölend zu lachen an. Erstaunt sah ich zu ihm hoch und sah wie ihm die Tränen vom Lachen kamen. Jetzt war er vollkommen übergeschnappt. Ich nahm meinen Finger von seiner Brust und machte zögerlich ein paar Schritte von ihm weg in Richtung Stube.

»Denk nicht mal dran!«, rief er frostig und ich blieb auf der Stelle stehen. Vorsichtig drehte ich mich zu ihm um. Sein Gesicht hatte wieder diesen emotionslosen Ausdruck angenommen, aber er erreichte seine Augen nicht, die mich fast erstachen.

»Ich weiß nicht was du meinst.« Sagte ich unschuldig und versuchte krampfhaft mir ein Lächeln abzuringen. Gelassen verschränkte er seine Arme vor der Brust und lächelte mich teuflisch an.

»Möchtest du gerne erfrieren?«, fragte er mich.

»Ähm, nein. Eigentlich nicht.« Erwiderte ich misstrauisch.

»Gut.« Sagte er zufrieden. »Aber ich frage mich … «

»Sag doch einfach, dass es dir nicht passt, dass ich meine Kleidung anhabe!« Gab ich mich geschlagen. »Deswegen musst du doch nicht gleich so einen Aufstand machen!« Waren wir denn hier im Kindergarten? Man, also wirklich.

»Wärst du denn so gütig dich umzuziehen?«, fragte er mich spitz.

»Nein, meine eigene Kleidung ist warm genug!« Sagte ich entschlossen.

»Ich glaubs nicht!« Sagte er fertig und fasste sich an die Stirn.

»Ähm Lucilla.« Rief Beys aus der Stube.

»Ja?«, rief ich zurück.

»Du solltest tun was Taran dir sagt!« Fassungslos rieb ich mir den Nacken und fragte mich ob er das Ernst meinte. »Taran hat nämlich recht. Deine Kleidung ist für dieses Wetter viel zu dünn!« rief Beys weiter und trat durch die Tür. Bedächtig sah er mir in die Augen. »Und du solltest ihn nicht so sehr reizen! Denk daran, dass du auf deinen Weg auf ihn angewiesen bist.« Niedergeschlagen stöhnte ich auf. Beys hatte recht und die Lederhose würde sich bestimmt besser im Schnee machen als meine Jeanshose. Geschlagen begab ich mich zur Treppe.

»Danke Beys.« Sagte Taran erleichtert.

»Kein Problem, mein Junge. Aber jetzt mal unter uns. Ich habe dich noch nie so aufgebracht erlebt! Bist du sicher, dass du das hinbekommst mit ihr?«
Die Antwort konnte ich leider nicht mehr hören, da sich die Beiden in die Stube begaben.

 

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