16. Zukunftsfragen

 

Chess lag auf einem großen Kissen direkt vor dem Kamin. Der warme Schein des Feuers huschte über seine kleine Gestalt und gab ihm die nötige Wärme. Er schlief tief und fest.

»Wie lange wird es dauern bis er wieder reisen kann?« Taran und Beys standen in der Nähe des Kamins und sahen zu Cheshire. Neugierig blickte ich zu den Beiden von meinem Platz aus. Martha und ich hatten es uns auf dem Sofa in der kleinen Stube gemütlich gemacht. Ich hielt wieder eine dampfende Teetasse in der Hand und Martha hatte sich ihrem Strickzeug gewidmet.

»Zwei Tage, vielleicht auch mehr.« Taran murrte und verschränkte seine Arme vor der Brust. Nachdenklich sah er zu dem Feuer.

»Drei Tage, länger können wir nicht auf ihn warten!« Entschied er und sein Blick flackerte kurz zu mir herüber. »Man erwartet uns in Marmoreal.« Ich spitzte die Ohren.

»Chess kann natürlich solange hierbleiben. Du brauchst dir keine Sorgen, um ihn zu machen, Taran. Aber, wie wollt ihr bei diesem Wetter nach Marmoreal gelangen? Die Straßen und Wege sind verschneit. Kein Pferd und keine Kutsche wird dich des Weges bringen! Das kann gefährlich werden, besonders mit dem Mädchen.« Beide schauten prüfend zu mir. Ich tat so, als würde ich davon nichts mitbekommen und wärmte mich an meiner Tasse.

»Du könntest recht haben, aber uns bleibt keine andere Wahl. Die Königin erwartet sie.«

»Mir gefällt das nicht, Junge! Es wäre mir lieber, wenn ihr hier bei uns bleibt und den Winter abwartet. Mirana wartet schon so lange, da kommt es auf ein paar Wochen auch nicht mehr an. Und deine Tante würde sich sehr darüber freuen, wenn du zum Schneeflockenfest bei uns bleibst.« Beys lehnte sich an den Kaminsims und verzog wütend sein Gesicht.

»Wir warten alle schon zu lange! Nicht nur die Königin. Verstehst du den Ernst der Lage nicht, Onkel? Die Zeit läuft rückwärts! Die Menschen verschwinden, weil deren Geburt ungeschehen ist. Tote stehen wieder auf. Ganze Dörfer entschwinden!« Presste Taran aufgebracht hervor.

»Das weiß ich doch alles! Trotzdem gefällt mir das nicht. Was soll ein Kind schon ausrichten können?« Fragte er zweifelnd.

»Lucilla ist kein Kind mehr. Bedenke, Alice war viel jünger als sie jetzt und sie erschlug den Jabberwocky.«

»Du glaubst an sie?« Entgegnete Beys überrascht.

»Habe ich denn eine Wahl?«

Bedrückt schaute ich in meine Teetasse. Ja, meine Großmutter hatte den Jabberwocky erschlagen und von mir verlangte man nun Iracebeth zu erschlagen, oder nicht? Musste ich sie töten … könnte ich überhaupt einen Menschen töten? Meine Hände zitterten leicht und etwas Tee ergoss sich über meine Hände. Nein, ich könnte das nicht! Egal wie böse ein Mensch ist, ihn zu töten ist nicht richtig. Es muss noch einen anderen Weg geben, aber welchen? Wie könnte ich Iracebeth aufhalten, ohne sie zu töten?

»Lass uns zu Bett gehen.« Taran stand vor mir und nahm mir ungefragt die Tasse aus den Händen. Mit einem Tuch wischte er meine Hände trocken. Stumm sah ich ihn an. Er legte das Tuch beiseite und ergriff meine Hände und zog mich hoch. »Komm!« Sagte er auffordernd und zog mich hinter sich her.

»Gute Nacht ihr Beiden.« Riefen uns Martha und Beys hinterher. Oben angekommen setzte ich mich sogleich auf das Bett. Taran stand an der Waschschüssel und goss sich Wasser ein. Stumm sah ich ihm dabei zu wie er sein Hemd auszog. Sein muskulöser Rücken kam zum Vorschein. Nachdenklich besah ich mir die vielen kleinen Narben während er sich weiter auszog. Könnte ich Iracebeth gefangen nehmen? Aber wie sollte ich dies anstellen? Ich kann ja nicht mal kämpfen. Missmutig atmete ich aus.

»Könntest du bitte damit aufhören?« Überrascht blinzelte ich.

»Was meinst du?« fragte ich Taran. Er drehte sich halb zu mir um und mein Gesicht wurde heiß. Taran war komplett nackt und er sah mich düster an.

»Mich anzustarren und dabei zu stöhnen!« sagte er kalt. Heiß durchfuhr es mich und mein Körper spannte sich an. Peinlich berührt legte ich meine Hände an die Wangen.

»Tut, tut mir leid.« Quiekte ich. »Das wollte ich nicht! Ich war nur so in Gedanken.« Entschuldigte ich mich.

»Diese Gedanken werden niemals passieren!« Sagte er rau und drehte sich wieder um.

Mir wurde noch heißer und ich sprang erregt auf. »Das … das hast du falsch verstanden!« Rief ich laut. »Ich habe nicht an … so etwas gedacht.« Konnte es noch peinlicher werden? »Ich habe mich nur gefragt ob ich es schaffen könnte Iracebeth zu töten oder ob es noch einen anderen Weg geben könnte.« Schwer atmete ich aus. Taran lies den Lappen fallen, mit dem er sich gewaschen hatte und drehte sich zu mir um. Sein Gesicht war wie versteinert und die Hitze fiel von mir ab. Ich machte einen Schritt nach hinten und prallte gegen das Bett. Taran starrte mich weiter mit dieser Ausdruckslosen Miene an und kam auf mich zu. Ich bekam es mit der Angst zu tun und mir lief es eisig den Rücken runter. Dicht vor mir blieb er stehen und sah zu mir herunter. Ich traute mich nicht ihm weiter in die Augen zu sehen und so blieb mein Blick an seiner nackten Brust hängen. Ich bemerkte das seine Sehnen stark hervor traten und seine Muskeln sich anspannten. Mein Blick ging tiefer und ich sah wie er wütend seine Hände zu Fäusten ballte.

»Es gibt keinen anderen Weg!« presste er wütend hervor. Ich zuckte zusammen und mein Blick ging automatisch nach unten. Wieder zuckte ich heftig zusammen und sah schnell wieder nach oben. Er war ja gänzlich nackt. Das hatte ich komplett vergessen. Sein wütender Blick traf, den Meinen und Hitze und Kälte wechselten, sich ab. Schnell wich ich seinen Blick aus und sah unruhig umher. Ich wusste nicht wo ich noch hinsehen sollte.

»Du wirst sie töten!« Stieß Taran unbarmherzig hervor. Mein Herz blieb stehen und ungläubig sah ich in sein Gesicht, das sich vor Wut verzerrt hatte.

»Ich soll sie töten?« fragte ich leise.

»Du musst sie töten!« sagte er gepresst.

»Und wenn ich das nicht kann oder gar nicht will?«

»Du hast keine andere Wahl!«

»Aber sie ist ein Mensch!« brüllte ich ihn aufgebracht an. Wie kann er so kalt sein?

»Sie ist ein verdammtes Monster!« Dunkel funkelten mich seine Augen an. Aufgebracht starrten wir uns beide an und sagten eine Weile gar nichts. Wie kann er nur von mir erwarten das ich einen Menschen töte? Sicher, diese Frau hat unersetzliches Leid verursacht, aber trotzdem ist und bleibt sie ein Mensch.

»Du hast keine andere Wahl. Hörst du?« Der Klang seiner Stimme hatte sich verändert. »Vielleicht war sie früher mal ein Mensch, aber das ist schon sehr lange vorbei. Du musst sie einfach töten! Verstehst du das?« Seine Stimme klang verzweifelt und sein Blick sah mich nicht mehr wütend, sondern voller Schmerz an.

»Ja, ich verstehe.« sagte ich traurig und wand mich von ihm ab. Ich verstehe dein Leid und deinen Schmerz. Ich verstehe, warum du dir ihren Tod wünscht. Aber ich verstehe nicht, warum du dir das von mir wünscht.

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