15. Tarrant

 

»Onkel? Was machst du hier?« Rief Tarrant überrascht. »Tante Martha, du auch hier? Wo ist Gilbert?« Suchend blickte er sich in der Küche um und sein neugieriger Blick, blieb an mir hängen. Er kam tippelnd näher und starrte mich mit großen leuchtenden Augen an. Unwohl lehnte ich mich nach hinten und versuchte diesen kindlich wirkenden Augen zu entkommen. Es war Taran, aber gleichzeitig auch nicht. Seine Ausstrahlung war anders, so kindlich und verspielt. Dies war der Tarrant den meine Großmutter kennenlernte, von dem sie mir seit meiner Geburt, begeistert erzählte hatte. Aber es war ihrer, nicht meiner. Nicht den, den ich kennenlernen durfte. Sein Gesicht kam den meinen immer näher und sein Blick nahm stetig an Intensität zu. Ich beugte mich weiter nach hinten und kippte mit dem Stuhl um.

»Autsch.« Ich rieb mir meinen schmerzenden Rücken und versuchte mich hochzustemmen. Ließ es aber sogleich bleiben als Tarrant sich über mich beugte und sich nachdenklich das Kinn rieb. Mulmig und unwissend wie ich mich diesen Tarrant gegenüber verhalten sollte, blieb ich liegen und erwiderte stumm seinen Blick.

»Du bist nicht Alice.« Stellte er fest.

»Nein, bin ich nicht.« Ich hielt seinen Blick weiterhin stand.

»Aber du siehst aus wie sie.« Stellte er weiter fest.

»Das wurde mir schon sehr oft gesagt.«

»Aber wenn du nicht Alice bist, wo ist denn meine Alice?« Er stellte sich gerade hin und sah zu Martha und Beys. Daraufhin zuckten die Beiden zusammen und drucksten herum. Tarrant kniff misstrauisch bei ihren zusammenhanglosen Erklärungen die Augen zusammen und machte einen auffordernden Schritt nach vorne. Die Beiden rückten weiter zusammen und sahen zu Boden. »Wo ist Alice und Gilbert? Und wer ist dieses Mädchen, das aussieht wie meine Alice?« Fragte er hilflos. Martha schaute auf und hatte Tränen in den Augen.

»Das kann ich dir nicht sagen!« Antwortete sie schniefend. Tarrant legte seinen Kopf zur Seite und fasste sich wieder ans Kinn.

»Warum nicht?« Fragte er unschuldig. Martha schluchzte herzzerreißend und ich hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen.

»Alice … .«, fing ich zu sprechen an, doch Martha fuhr mir dazwischen.

»Nicht Lucilla!« Rief sie flehend. Ich schloss meinen Mund und Tarrants Blick wandte sich mir zu.

»Was wolltest du sagen?« Sein Blick war hypnotisierend, wie er einen mit seinen smaragdgrünen Augen anfunkelte. Ich hatte das Gefühl ihm die Wahrheit sagen zu müssen und so setzte ich von neuem an.

»Alice war meine Gro … .«

»Sei still!« Fuhr mich diesmal Beys an. Augenblicklich drehte sich Tarrant zu ihm um und marschierte dicht auf ihn zu. Beys war mittlerweile aufgestanden und sie standen sich direkt gegenüber und funkelten sich an.

»Was soll das, Onkel?« Fragte er gekränkt. »Was verschweigt ihr mir und warum?«

»Wir meinen es doch nur gut, Tarrant. Wir wollen auf gar keinen Fall, das du wieder verschwindest!« Erwiderte Beys mit fester Stimme.

»Warum sollte ich verschwinden?« Er sah uns alle fragend an.

»Weil Alice tot ist und Gilbert schon seit Jahren verschollen ist.« Rutschte es mir heraus. Erschrocken klatschte ich mir die Hände auf meinen Mund. Mit großen Augen sah ich die Anderen an, die mich ungläubig anstarrten. Aber am schlimmsten war der Blick den mir Tarrant zuwarf. Unglaube stand in ihnen, aber auch tiefste Traurigkeit und Gewissheit. Er wusste es, schoss es mir in den Sinn! Tarrant drehte sich um und torkelte zum nächstgelegenen Stuhl. Es ließ sich darauf nieder und umfasste seinen Kopf mit den Händen. Er krallte seine Finger in sein rotes Haar. Es sah fast schmerzhaft aus.

»Du hast recht.« Flüsterte er gespenstisch. Erschrocken machte mein Herz einen Hüpfer. »Alice ist tot, ich wusste es. Tief in mir drin, wusste ich es!« Kraftlos lies er von seinen Haaren ab und sackte in sich zusammen.

»Tarrant?« fragte Beys unsicher. Er gab keine Antwort. »Tarrant, mein Junge. Ist alles in Ordnung?« Beys ging langsam auf Tarrant zu, als dieser nicht antwortete. Kurz bevor er bei ihm angekommen ist, hob Tarrant seinen Kopf und sah uns ausdruckslos entgegen. Beys blieb stehen und lies die Schultern hängen. »Er ist gegangen.« Stellte er niedergeschlagen fest und Martha schluchzte wieder auf.

»Er ist noch nicht bereit!« Erklang die selbstbewusste Stimme von Taran. Erleichtert lächelte ich ihm zu, was er mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis nahm.

»Du!« Rief Martha anklagend. »Warum hast du es ihm nur gesagt?« Wütend sahen mich ihre verweinten Augen an. Es versetzte mir einen Stich ins Herz und ein schlechtes Gewissen regte sich.

»Er hat es verdient …« murmelte ich schwach und Martha und Beys sahen mich verständnislos an. »Die Wahrheit.« Sprach ich es aus. Martha seufzte und drehte sich um. Sie griff nach der Schnapsflasche und setzte sie sich an die Lippen.

»Martha!« Rief Beys tadelnd und nahm ihr die Flasche weg. Es wurde still in der Küche. Niemand sagte ein Wort. Unsicher und fragend warf ich immer wieder kurze Blicke zu Taran herüber, der diese aber gekonnt ignorierte. Er saß locker auf dem Stuhl und hatte die Arme verschränkt. Düster starrte er aus dem Küchenfenster nach draußen und schaute dem Schnee beim Fallen zu.

»Lucilla hat Recht!« Wir drei schauten gleichzeitig verwundert zu Taran hinüber. »Tarrant hat die Wahrheit verdient und insgeheim ist er sich dessen auch bewusst. Er fühlte schon seit langem das Alice gegangen war und hat sich noch immer weiter zurückgezogen, doch dann erblickte er Lucilla durch meine Augen. Er fing langsam wieder an sich zu regen, es war nur eine Frage der Zeit wann er wieder zum Vorschein kommt.«

»Hat er meine Großmutter geliebt?« Fragte ich schwach. Alle drei sahen mich an. Ich zuckte hilflos mit den Schultern. »Na ja, es hört sich danach an.« Versuchte ich mich zu erklären. Beys und Martha sahen zu Taran und ich folgte ihren Blick. Ernst sah mich Taran an.

»Er hat sie so sehr geliebt wie ein Mensch einen anderen nur lieben kann!« Diese Ansage fühlte sich wie ein Schlag in den Magen an. Er hatte meine Großmutter geliebt? Und sie, hatte sie ihn auch geliebt? Martha sah mir meine Fragen wohl an, denn sie kam auf mich zu und nahm mich in die Arme.

»Aber Kindchen, doch nicht auf diese Weise.« Ich horchte auf. »Tarrant sah in Alice Familie. Sie war für ihn wie eine kleine Schwester!« Erklärte sie mir und ich fühlte mich sogleich beruhigt. Es kam mir nie in den Sinn, dass meine Großmutter vielleicht mal einen anderen Mann als meinen Großvater geliebt haben könnte. Ich hob meinen Blick und Martha ließ mich los. »Hast du Hunger Taran?« Fragte sie, um die Stimmung wieder zu lockern. Taran nickte nur und setzt sich am Tisch, auf Marthas Platz. Schweigend saß ich neben ihn und hatte wieder eine Tasse mit dampfendem Tee in der Hand.

»Aber nächstes Mal.« Taran beugte sich dicht zu mir herüber und ich spürte seinen heißen Atem an meinem Ohr. »Nächstes Mal, verschweig ihm doch die Wahrheit und versuch sein Vertrauen zu gewinnen, ja?« Sprachlos sah ich ihn an und merkte wie dicht sein Gesicht noch dem meinem war. Ich schluckte krampfhaft und biss mir auf die Lippe. Sein Blick folgte meiner Geste und etwas blitze in seinen Augen auf, dann wandte er sich abrupt von mir ab.

»Wie geht es eigentlich Chess?« Fragte er Beys und drehte mir den Rücken zu. Ich saß verkrampft auf meinen Stuhl und umschloss fest meine Tasse. Was passiert hier gerade mit mir, fragte ich mich. Ich merkte wie Martha mich ansah und blickte zu ihr auf. Wissend und verständnisvoll sah sie mich an.

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