14. Der Schrecklichkeits Tag

Warum ist mir nur so heiß? Stöhnend hob ich meinen Kopf vom Kissen und blinzelte verschlafen in die Morgensonne. Ich griff nach der Decke und wollte sie von mir schieben. Mir war einfach zu warm und ich schwitzte aus allen Poren. Ich zog an ihr und sie bewegte sich nicht. Verwundert blickte ich mich um und hielt erschrocken die Luft an. Taran lag dicht neben mir oder besser gesagt, halb auf mir. Sein linker Arm war um mich geschlungen und sein Gesicht kuschelte sich an meinem Rücken. Kein Wunder das mir so warm war! Sein Körper strahlte eine so starke Wärme aus, dass ich einfach nur noch aus dem Bett wollte und seine Nähe war mir einfach zu nah! Ich packte seinen Arm und schob ihn von mir. Taran stöhnte leicht auf und gab einen Schmatzer von sich, bevor er sich umdrehte. Ein kleines Lächeln huschte mir bei diesem Anblick über das Gesicht. Erleichtert schlüpfte ich aus dem Bett und zog mir meine Sachen an. Bevor ich aus dem Zimmer ging drehte ich mich noch einmal zu Taran um und sah wie er friedlich in dem Bett lag und vor sich hin schnarchte. Vergnügt über diesen Anblick schüttelte ich meinen Kopf und schloss leise die Tür hinter mir.

»Lucilla, so früh schon wach? Komm setzt dich!« Wurde ich bei meiner Ankunft in der Küche begrüßt. Martha und Beys saßen an einem reichlich gedeckten Tisch und schnell kam ich der Aufforderung nach. Ich setzte mich neben Martha, die mir auch gleich ein warmes Brötchen auf den Teller vor mir legte.

»Danke.« Sagte ich bevor ich nach der Marmelade langte. Schweigend genoss ich das Frühstück, während Martha und Beys sich immer wieder fragende Blicke zu warfen. Ich bemerkte dies kaum, da meine Gedanken immer wieder zu der gestrigen Nacht zurückflogen. Ich hatte so viele Fragen an Taran und ich fragte mich, ob er mir jemals vernünftige Antworten darauf geben würde. Ich war fertig mit dem Frühstück und Martha reichte mir eine dampfende Tasse. Die Flüssigkeit roch würzig und erinnerte mich an den schwarzen Tee, den ich immer morgens beim Frühstück trank. Vorsichtig nahm ich einen kleinen Schluck und lächelte erfreut. Er schmeckte fast genauso!

»Sagt mal.« Meine Stimme klang leicht kratzig und ich räusperte mich. Martha und Beys blickten zu mir auf. Etwas unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her. »Was hat es eigentlich mit Taran auf sich? Er hat gestern versucht es mir zu erklären, aber ich habe davon nichts verstanden!« Frustriert verzog ich meinen Mund und die Beiden sahen mich beklemmend an.

»Nun, weißt du …«, setzte Beys stockend an.

»Beys!« Zischte Martha ihren Mann an. Überrascht sah ich sie an. »Es liegt nicht an dir, ihr diese Geschichte zu erzählen!«

»Lucilla sagte doch gerade das er das versucht hätte! Und ich habe genauso ein Anrecht darauf ihr das zu erzählen wie Taran!« Verteidigte sich Beys.

»Ich habe seine Erklärung wirklich nicht verstanden, Martha. Taran faselte irgendwas davon das er Taran und Tarrant ist. Und das Tarrant davon nichts weiß. Was bedeutet das?« Flehend sah ich die Beiden an und Marthas Blick wurde wieder weich.

»Ach Schätzchen.« Sie tätschelte mir traurig die Hand. Verwundert über diese vertraute Geste kräuselte ich meine Nase. »Für diese Geschichte brauchen wir etwas stärkeres als Tee.« Sie erhob sich und kramte in den Küchenschränken herum. »Wo hatte ich ihn bloß hingestellt?« Hörte ich sie murmeln. Fragend sah ich zu Beys rüber, der mit seinen Schultern zuckte und düster auf seine zusammengefalteten Hände starrte. Wollte ich diese Geschichte wirklich hören? Das Verhalten der Beiden machte mir Angst und ich bereute meine Frage schon. »Ah, da ist sie ja!« Rief Martha erleichtert und kam mit der braunen Schnapsflasche vorn Gestern herüber. Sie ließ sich auf ihren Stuhl neben mir plumpsen und goss mir ungefragt etwas von den Schnaps in meinem Tee. Das Gleiche tat sie bei sich und Beys. Die Beiden setzten auch sogleich zum Trinken an und stürzten es in einem Schluck herunter. Beys griff nach der Flasche und schenkte sich von neuem ein.

»Du solltest einen kräftigen Schluck nehmen. Es ist keine erfreuliche Geschichte.« Sagte Martha mit einem Glitzern in den Augen. Weinte sie etwa? Unentschlossen spielte ich mit der Teetasse in meiner Hand herum und nach anfänglichem Zögern nahm ich einen kräftigen Schluck. Heiß lief mir das Gebräu die Kehle hinunter. Ich stellte die Tasse wieder ab und sah abwartend zu Beys.

»Nun, vor vielen Jahren. Es war ein warmer und ein sehr schöner Tag. Die Vögel zwitscherten und die Sonne schien hell auf unsere Häupter. Wir feierten das Fest des Blumendrehens und tanzten und tranken. Die Kinder spielten und lachten und alle waren sehr glücklich.« Beys Hand zitterte als er den nächsten Schluck nahm. »Tarrant war zu diesen Zeitpunkt 21 Jahre alt und hatte gerade die Prüfung zum Hutmacher gemeistert. Er stand mit Haigha und Gilbert etwas abseits und sie feierten Tarrants Erfolg ausgiebig.« Martha gab einen lauten Schluchzer von sich und griff nach einem Taschentuch.

»Unser Gilbert«, schluchzte sie und Beys griff nach ihrer Hand. Mein Magen zog sich bei dieser Geste zusammen und ich wappnete mich für den weiteren Verlauf der Geschichte.

»Ich tanzte gerade mit meiner wunderschönen Martha als ein riesiger dunkler Schatten über uns fiel. Die Menschen um uns fingen zu schreien an und liefen wie aufgescheuchte Hühner umher. Wir hörten ein schreckliches Brüllen und auf einmal war überall Feuer! Die Häuser brannten und sogar ein paar Menschen.« Beys hörte auf und schnäuzte sich. Ich ballte meine Hände angespannt zu Fäusten. »Wir schauten nach oben und hörten ein schrilles Lachen. Wir sahen Iracebeth, die die Krone der weisen Königin trug, auf den Jabberwocky sitzen und sie lachte. Sie lachte laut und vergnügt wie ein Kind! Sie tätschelte den Jabberwocky und befahl ihn weiterzumachen. Entsetzt versuchten wir uns in Sicherheit zu bringen, aber es gab kein Entkommen mehr! Alles stand in Flammen und von Gilbert fehlte jede Spur. Als Weisheitsend komplett abgebrannt war und Iracebeth freudig mit ihrem Jabberwocky weggeflogen war, fanden wir Tarrant knieend auf den Boden vor seinem abgebrannten Elternhaus vor. Er hielt einen winzigen Hut in seiner Hand und starrte wie versteinert auf diesen. Haigha lief wie aufgescheucht über die Trümmer und redete irgendetwas über Teetassen. Dieser Tag ging als Tag der Schrecklichkeit ins Orakulum ein. Es war der Tag als unser Gilbert für immer verschwand, der Tag als Haigha verrückt wurde und der Tag als Tarrants komplette Familie verschwand und er zu Taran wurde.« Beys hörte auf zu reden und ich sah das Beide weinten. Ich griff nach meiner Teetasse und nahm einen kräftigen Schluck. Ich merkte das meine Hand leicht zitterte und schnell setzte ich die Tasse wieder ab. Ich sah dabei zu wie die Beiden zusammen weinten und brachte kein Wort heraus. Meine Kehle fühlte sich trocken an und ein dicker Klumpen hatte sich in meinem Magen gebildet, während ich versuchte das Gehörte zu verstehen.

Eine ganze Weile sagte keiner von uns etwas und langsam formten sich vereinzelt Fragen in meinem Kopf. »Also wurde Tarrant zu Taran, weil seine Familie verschwand?« Fragte ich zögerlich.

Beys nickte betroffen. »Ja, so könnte man es sagen. Tarrant kam seit dem Ereignis nicht mehr hervor. Es gab nur noch den stillen, ernsten Taran.« Sagte er leise.

»Aber meine Großmutter hat doch Tarrants Familie zurückgebracht!« Erwiderte ich verwirrt.

»Es ist kompliziert. Als Alice im Unterland auftauchte, kam auch Tarrant wieder zum Vorschein, aber er erinnerte sich nicht mehr an diesen Tag und er wusste auch nichts von Taran. Tarrant blieb auch nur solange wie Alice blieb. Sobald sie verschwand so verschwand auch er.« Die Bezeichnung Multiple Persönlichkeit kam mir in den Sinn. Ich kannte dieses Phänomen nur aus dem Fernsehen und da wurde diese Störung immer durch ein schreckliches Erlebnis ausgelöst. Meist diente es dem Schutze des Geistes des Opfers. Die betreffende Person konnte mit dem Erlebten nicht umgehen und der Geist erschuf eine andere Variante von sich selbst oder eine komplett neue Person, die damit für einen umging und weiterlebte.

»Aber hätte die Rückkehr seiner Familie nicht Tarrant für immer zurückholen müssen?« Fragte ich nachdenklich.

»Das dachten wir auch.« Meldete sich Martha zu Wort. »Er blieb auch eine Weile und wir waren schon voller Hoffnung. Doch dann verließ uns Alice für immer und Tarrant verschwand und es blieb nur Taran zurück.« Wir hörten laute Schritte, die die Treppe hinuntereilten und Taran tauchte in der Küche auf. Er grinste breit und strahlte uns an. Ich rieb mir verwundert die Augen und starrte ihn mit offenem Mund an.

»Tarrant? Bist du das?« Flüsterte Beys ergriffen.

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