13. Das versteckte Gesicht

Taran packte mich fest an der Taille und ich quiekte erschrocken auf. Flink drehte er uns im Fall und ich landete auf seinen Bauch anstatt auf den kalten harten Boden. Mit der linken Hand umschloss ich krampfhaft sein Tuch während ich ihn bestürzt ins Gesicht starrte. Auf seiner linken Gesichtshälfte zeichnete sich vom Wangenknochen bis runter zum Kinn eine dicke wulstige Narbe ab. Sie sah noch recht frisch aus, was nur bedeuten konnte, dass die Ursache noch nicht lange zurück lag.

»Wie?« hauchte ich betroffen, während sich meine rechte Hand wie von allein auf seine Wange legte. Langsam fuhr ich mit meinen Fingerspitzen den Lauf der Narbe entlang und hielt den Atem an. Wie konnte so etwas nur passieren? Wer hatte ihm das nur zugefügt und warum? Vorsichtig fuhr ich an seinem Mundwinkel vorbei, da packte er meine Hand. Erst da bemerkte ich, dass ich anscheinend weinte. Einzelne Tränen landeten auf unseren Händen und Taran zog meine Hand von seinem Gesicht. Betreten hob ich meinen Blick und schaute in seine grünen Augen die mich abwartend musterten.

»Wie ist das passiert?«

Das Grün seiner Augen verdunkelte sich. »Ein nettes Abschiedsgeschenk von Stayne.«

»Wer ist Stayne?« Er sah nach oben und schnaubte.

»Ilsovovic Stayne, der Herzbube. Der ehemalige Lakai von Iracebeth.« Erklärte er mir.

»Die rote Königin.« Sagte ich nachdenklich.

»Die ehemalige, ja.« verbesserte er mich.

»Und wie ist das passiert?« Abwartend schaute ich ihm weiter in die Augen. Noch immer hielt er meine Hand in seiner Linken fest.

»Nur ein Glückstreffer. Es ist schon lange her.« Fragend zog ich meine Stirn kraus.

»So alt sieht sie noch gar nicht aus und müsste die Zeit es nicht schon längst ungeschehen gemacht haben?«

»Es ist drei Jahre her und du hättest recht, wenn es eine normale Klinge gewesen wäre und die Zeit schon ganz vergangen wäre.«

»Es war aber keine normale Klinge?«

»Richtig.« Sein rechter Mundwinkel zuckte leicht. Sollte das ein Lächeln werden?

»Was war es denn für eine Klinge?« Musste ich ihm alles aus der Nase ziehen?

»Eine verfluchte Klinge. Ilsovovic frischte den Fluch an einem, jeden Vollmond auf. Der Fluch verhindert die richtige Heilung der zugefügten Wunden.« Erstaunlich, auf so eine boshafte Idee musste man erstmal kommen. Ich hoffte, ich würde diesen Ilsovovic nie begegnen müssen, besonders seiner Klinge nicht.

Als hätte Taran meine Gedanken gelesen, sagte er »Keine Angst. Ilsovovic ist Tod.« Erleichtert atmete ich aus. »Jedenfalls noch.« Taran räusperte sich und verschreckt schaute ich auf.

»Was meinst du mit noch?« quiekte ich.

»Du solltest aufstehen.« Umging er meine Frage, aber darauf ließ ich mich nicht ein.

»Taran, jetzt sag schon!« Mein Kopf ratterte wie verrückt und versuchte sich darauf einen Reim zu machen.

»Nein und jetzt geh endlich von mir runter!« Maulte er zähneknirschend. Er ließ meinen Arm los und versuchte mich von sich runter zu schieben. Ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen und Taran stöhnte auf. Er biss sich kräftig auf die Unterlippe und ein einzelner Blutstropfen quoll hervor.

»Heißt das etwa, dass die Toten wieder auferstehen? Jetzt sag schon! Dann steh ich auch auf. Versprochen!« Sagte ich überlegen. Taran fing zu Lachen an und sein Körper bebte leicht. Misstrauisch leckte ich mir über die Lippen.

»Was?« Fragte ich giftig. Taran schien sich nicht mehr einzukriegen und lachte immer weiter. »Warum lachst du?«

»Du … du« setzte er an. Er lachte noch ein paar Mal und räusperte sich mehrmals. Dann schien er sich endlich wieder unter Kontrolle zu haben. »Du weißt schon das ich komplett nackt bin und du auf mir sitzt?«

»Ja und?« Verwirrt runzelte ich meine Stirn. Was will er mir damit jetzt sagen?

»Du hast echt keine Ahnung, oder?« Jetzt schien er leicht verwundert zu sein. So langsam fühlte ich mich bei unserem Gespräch unwohl. Was will er bloß von mir? Taran umfasste mich mit beiden Händen an der Taille und setzte sich auf. Unsere Köpfe waren jetzt dicht voreinander und er betrachtete mich mit einem seltsamen Blick. »Bist du wirklich so unschuldig oder tust du nur so?« Murmelte er vor sich hin. Hatte er einen Dachschaden oder was war mit ihm los? Unschuldig? Was meinte er bloß? Unruhig versuchte ich etwas nach hinten zu rutschen und stieß leicht gegen etwas hartes. Taran entschlüpfte ein kehliges Stöhnen und da wurde es mir bewusst. Mein Herz donnerte und mir wurde heiß, von oben bis unten.

»Scheiße«, rutsche es mir raus. Ich bin so blöd! Verlegen wollte ich aufstehen, aber Tarans Hände hinderten mich daran. »Taran, würdest du bitte.« Mir versagte die Stimme. Oh Gott, war mir das peinlich. Ich bin so verdammt dumm und was jetzt? Wie komme ich da jetzt wieder raus? Taran beugte seinen Kopf leicht vor und legte sein Kinn auf meine Schulter ab.

»Tatsächlich. Du scheinst wirklich so unschuldig zu sein.« Hauchte er mir verwundert in mein Ohr. Sein warmer Atem kitzelte mich am Hals und ich lehnte mich etwas nach hinten, um mehr Platz zwischen uns zu bekommen.

»Tja, anscheinend. Also würdest du mich bitte aufstehen lassen? Ich bin doch eh nicht nach deinem Geschmack.« Gab ich nervös von mir.

Er lachte kurz auf. »Du hast recht. Bist du nicht, aber ich bin auch nur ein Mann und du solltest jetzt wirklich endlich aufstehen.« Taran ließ mich los und eilig stand ich auf. Ich ging schnurstracks auf das Bett zu und grub mich tief in die Bettdecke ein. Ich hörte wie Taran sich etwas anzog und leise zum Bett tapste. Das Bett quietschte als er sich auf der anderen Seite der Matratze setzte und ich verzog mich ganz zum Rande des Bettes.

»Jetzt tu mal nicht so, Lucilla! Ich tu dir schon nichts!«

»Pfff« gab ich zweifelnd von mir und zog die Decke noch enger um mich. Taran stöhnte auf, aber diesmal genervt und machte das Licht aus. Er zog an der Bettdecke und legte sich hin.

»Schlaf jetzt!« Sagte er bestimmt. Als wenn ich etwas Anderes vorgehabt hätte!

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