10. Unterland

Eilig lief ich zum Glastisch zurück und griff mir meinen Rucksack.

»Kommst du jetzt?« rief der Fremde ungeduldig.

»Ich komme ja schon!« rief ich zurück und lief auf die Beiden zu. Gehetzt gelangte ich bei ihnen an und atmete tief die kühle frische Luft ein. Ich hatte kaum die Zeit mich umzublicken als der Rotschopf auch schon weiterging. Ich schnallte mir meinen Rucksack auf den Rücken und ging neben ihm her.

»Das wird McTwisp nicht gefallen.« Merkte Cheshire mit schwacher Stimme an. Der Fremde zuckte daraufhin gleichgültig die Schulter.

»Der soll sich mal nicht so anstellen!« erwiderte er gleichgültig. Gerade war ich ziemlich froh das ich meine dicken Winterstiefel an hatte. Der Schnee war hier so tief das ich selbst mit den guten Stiefeln Probleme damit hatte, mit ihm Schritt zu halten.

»Wer ist dieser McTwisp?« fragte ich neugierig nach. Der Fremde sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank.

»Was?«, fragte ich misstrauisch. Ich wappnete mich schon gegen eine gemeine Antwort.

»Weißt du überhaupt etwas? Hat dir die großartige Alice denn rein gar nichts erzählt?« giftete er mich an. Wenn ich mich nicht ganz täuschte, schwamm ein Hauch Ironie in seiner letzten Frage mit.

»Taran, sei nicht so gemein! Sie kann doch nichts dafür.« Nahm mich Chess in Schutz. »McTwisp ist das weiße Kaninchen. Ich denke mal, dass du mehr damit anfangen kannst. Jedenfalls hat ihn Alice nie bei seinen Namen genannt, worüber er sich immer furchtbar geärgert hat.«

»Danke Chess. Du hast Recht, das sagt mir wirklich eher was.« Böse sah ich zu den Fremden. Taran also oder doch Tarrant? Hatte sich Chess nur versprochen oder war das ein Spitzname? »Wieso sollte denn McTwisp böse werden?«

»Weil das gerade eben sein Haus war.« sagte Taran kurz angebunden. »Bekomm ich jetzt meine Mütze wieder?« Es war keine Frage, eher eine Aufforderung.

»Oh, natürlich« schnell zog ich mir die Wollmütze vom Kopf. »Hier!« ich hielt ihm seine Mütze hin. Doch er schaute von mir zur Mütze und wieder zurück. Bei diesen Blickwechsel fühlte ich mich beklommen und wurde ungeduldig. »Willst du sie nun zurück oder nicht?« fragte ich unruhig. Ohne große Worte nahm er seine Mütze, schüttelte sie doch tatsächlich gründlich über den Schnee aus und setzte sie erst dann auf! Denkt der etwa ich habe Läuse, oder was? Ärgerlich wandte ich meinem Blick von ihm ab und sah nach vorne.

Dies ist also das sagenumwobene Unterland! Schwer stapfte ich im Schnee umher und sah mich um. Wir waren auf einer weitläufigen Wiese gelandet und ich erblickte in der Ferne einen Tannenwald, auf den wir geradewegs zuhielten. Links von uns erhob sich ein mächtiges Gebirge. Es war so riesig das ich die Kronen der Berge nur erahnen konnte. Sie schienen irgendwo im Himmel zu enden.

»Das Gebirge der Aufteilung« erklärte mir Taran ohne Aufforderung. Fragend drehte ich mich zu ihm.

»Ein seltsamer Name« stellte ich fest.

»Kommt auf die Betrachtung an. Das Gebirge zieht sich durch das ganze Unterland und teilt die Länder voneinander. Es endet in den Outlands.«

»Wie viele Länder gib es denn?«

Taran schaute entrückt in den Himmel bevor er mir antwortet. »Sechs. Crims, Quest, Snud, Marmoreal, Ipiam und die Outlands.« Zählte er mir auf.

»Und in welchem befinden wir uns?« Ich kramte meinen dicken Schal, meine Handschuhe und meine Mütze aus meinem Rucksack und packte mich dick ein. Der Wind hatte zugenommen und weißer glänzender Schnee fiel in dicken Flocken vom Himmel herab.

»In Crims, das ehemalige Königreich von Iracebeth der Roten.« erklärte er gedämpft.

»Du meinst die rote Königin?« überrascht sah ich ihm in die Augen. Noch immer war sein Gesicht verdeckt und ich fragte mich warum.

»Ni mitdermi breirü´« murmelte er dunkel vor sich hin. Ich überging dieses merkwürdige Kauderwelsch und sah zu Cheshire. Er schien wieder zu schlafen.

»Wie lange werden wir bis zum Heiler brauchen?« fragte ich mit leichter Sorge in der Stimme. Taran blickte abschätzend zum Himmel hinauf.

»Gegen Abend sollten wir in Vermilion eintreffen. Dass ist das nächstgelegene Dorf bevor du fragst.«

Es war dunkel als wir endlich halb erfroren in Vermilion eintrafen. Mittlerweile zitterte ich unkontrolliert am ganzen Leibe und ich sehnte mich nach einem heißen Bad. Im Laufe unserer Wanderung erhaschte ich immer wieder abschätzende Blicke von Taran. Als ob er mich kontrollierte ob ich noch durchhalten würde oder im nächsten Moment umkippen würde. Ich hatte seine Blicke großenteils ignoriert und mich mehr auf meine Schritte konzentriert, nachdem er alle meine Fragen zu seiner Person abblockte. Unglaublich erleichtert endlich Lichter im Dunkeln zu sehen, wurden meine Schritte schneller und verloren ihre Schwere. Zielstrebig ging Taran voran, mitten in das Dorf hinein und hielt vor einem kleinen Haus an. Es hatte als einziges noch Lichter an. Laut klopfte er an der schweren Holztür und wartete. Von drinnen erklangen schlurfende Schritte und im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet. Ein alter kauziger Mann blickte uns verwundert an, bevor sein Blick erkennend an Taran hielt.

»Tarrant, was machst du hier? Und dann noch bei solch einem Wetter!«

»Ich bin nicht Tarrant, sondern Taran.« Korrigierte er böse.

»Oh, verstehe. Taran, natürlich« sein Blick traf auf den schlafenden Chess und er schien sofort zu begreifen. »Kommt rein.« Ohne zu zögernd betraten wir das warme Innere des Hauses und ich begab mich sofort zum offenen Kamin und wärmte mich. Ich zog meine Handschuhe aus, was gar nicht so einfach war, da alles an mir vereist zu sein schien und hielt sie gegen die warmen Flammen. Gott tat das gut. Während ich mich am Feuer wärmte, legte Taran Cheshire auf den großen Holztisch in der kleinen Stube ab. Schweigend sah er auf ihn hinab.

»Ich kümmere mich um ihn. Du und deine Begleitung könnt euch oben ausruhen. Ich hole nur schnell meine Frau.«

»Danke« war alles was Taran sagte.

»Martha«, rief der Alte und kurz darauf erschien eine alte rundliche Frau.

»Beys, was ist denn hier los?« Überrascht blickte sie sich in ihrer kleinen Stube um und ihr Blick verweilte einen Moment auf mir. Oder besser gesagt, auf der Pfütze die sich unter mir gesammelt hatte. Unzufrieden verzog sie ihren Mund und sah vorwurfsvoll zu ihrem Mann und entdeckte Chess auf ihren Esstisch. Eilig ging sie näher.

»Der arme kleine Kerl« sagte sie traurig. Dann riss sie erstaunt die Augen auf. »Das ist ja Cheshire! Was ist passiert?« Sie sah erst zu ihrem Mann und dann zu Taran.

»Tarrant«, rief sie überrascht aus.

»Taran!« korrigierte ihr Mann sie schnell. Ihre Augen weiteten sich daraufhin noch mehr.

»Oh, mhm« Sie schien verstanden zu haben. Doch nur was? Ich beobachtete die drei verwirrt. Martha räusperte sich und drehte sich zu mir um. »Und wer ist dieses Mädchen?« Alle Blicke wanderten daraufhin zu mir.

»Das ist Lucilla Kingsleigh.«

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