09. Das Kaninchenloch

Ich schrie aus Leibeskräften als ich in die Dunkelheit stürzte. Ich fiel und fiel und umschloss das Einzige was ich hatte. Krampfhaft drückte ich die weiche Wollmütze an meine Brust und versuchte mich zu beruhigen. Grandma hatte diesen Weg vor langer Zeit überstanden und auch ich werde dies schaffen! Entschlossen öffnete ich meine Augen und starrte in die Dunkelheit. Ich konnte nicht sagen wie lange ich schon fiel oder wie weit der Weg noch nach unten war. Ich merkte nur das mein Fall an Geschwindigkeit verlor und ich mich im Sturz aufrichten konnte. Es roch modrig und die Luft war klamm. Mir wurde kalt und ich holte meinen Mantel aus dem Rucksack hervor. Schnell zog ich ihn mir über und sogleich wurde mir wärmer. Die Wollmütze stülpte ich mir auch gleich über den Kopf und ich musste an den Träger denken. Wer war dieser Mann? Und was wird aus Cheshire? Werden die Beiden es schaffen? Ich hoffte es jedenfalls. Ich wüsste nicht, wie ich meinen Weg ohne Chess finden sollte. Eilig schob ich meine Gedanken beiseite. Jetzt war nicht die Zeit für trübe Gedanken! Ich schüttelte mich.

»Konzentriere dich Lucy!« schallte ich mich selbst. Tief zog ich die modrige Luft ein und atmete gleichmäßig wieder aus. Ich beugte mich leicht vor und schaute nach unten. Schwach drangen vereinzelt Lichter von unten hinauf. Mittlerweile schwebte ich in Schritttempo und durch das schwache Licht konnte ich meine Umgebung besser betrachten. Gerade fiel ich an einem Holzschrank vorbei. Verwundert rieb ich mir die Augen. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse und ich sah überall an den Wänden Möbel hängen oder schwebten sie? Waren sie irgendwie in der Wand verankert? »Sehr seltsam« beurteilte ich. Davon hatte mir Grandma nichts erzählt. Just in diesen Moment flog ich an einen voll beladenen Esstisch vorbei und schnappte mir flink was vom Tisch. Ein Marmeladenglas. Pfirsichmarmelade stand in schwacher Schrift auf dem Glas. Ich schraubte es auf und tunkte meinen Finger in die weiche Masse und steckte ihn mir in den Mund.

»Mhm, köstlich!« rief ich überrascht aus. Schnell löffelte ich das Glas mit meinem Finger leer. »Wo stell ich dich denn jetzt ab?« fragend sah ich mich um. Da schwebte auch schon ein Regal voll dicker Bücher an mir vorbei. Schnell griff ich mir ein Buch und hinterließ das leere Marmeladenglas. »Vom Schlimmbeersaft zum Battenbergkuchen in nur 30 Minuten!« las ich leise vor. Schlimmbeersaft? »Was ist das denn?« klingt nicht sehr appetitlich. Lustlos blätterte ich im Buch umher und stieß auf seltsam klingende Zutaten. Wurmfett und Butterfinger nur um Einige davon zu nennen. Wie eklig dies klingt. Wer würde so etwas nur essen wollen?

Überrascht ließ ich das Buch fallen, als meine Füße sachte auf den Boden trafen. Ich war in einem Raum gelandet mit nur einem Weg und der führte durch einen schwach beleuchteten Tunnel. »Na ganz toll!« murmelte ich mürrisch. Es wurde ja immer besser. Zielstrebig setzte ich mich in Bewegung und folgte dem Tunnel. Ich setzte einen Fuß vor dem Anderen. Wie lange ich wohl schon unterwegs war? Ich hatte komplett das Zeitgefühl verloren. Noch wusste ich ob Tag oder Nacht war. Mich beschlich auch so langsam das merkwürdige Gefühl beobachtet zu werden. Ich blickte mich um, konnte aber keine einzige Seele ausmachen. Verdrießlich seufzte ich und schritt weiter fort. Ob der Tunnel wohl jemals endete? Was würde passieren, wenn ich auf ewig hier rum marschierte? Würde ich sterben vor Hunger oder vor Erschöpfung? »Ach Lucilla. Denk nicht über so etwas Schwachsinniges nach. Alles endet mal!« belehrte ich mich selbst.

Ich blickte vom Boden auf und sah das Ende vom Tunnel. »Endlich« rief ich erleichtert aus. Nur um gleich darauf zu bemerken, dass das Ende in einen runden Raum führte, mit unterschiedlich großen Türen. In der Mitte des Raumes stand wie verlassen, ein kleiner runder Glastisch. »Wollen die mich verarschen?« Ich ging näher zum Tisch heran und stellte mein Rucksack darauf ab. Ich kehrte dem Tisch den Rücken zu und wanderte im Raum umher und besah mir die verschiedenen Türen. Manche waren aus Holz andere aus Metall. Einige waren reichlich verziert und eine sah so aus, als würde sie gleich aus den Angeln fallen. Und alle hatten eins gemeinsam. Sie waren verschlossen! Gerade stand ich vor einer Tür wo ein Riese durchpassen würde. Ich ging weiter und traf auf einen Vorhang an der Wand. Ich schob ihn beiseite und blickte auf eine kahle Mauerwand. Verdutzt sah ich nach unten und erblickte eine winzige Tür. War wohl nur für Mäuse gedacht. Genervt ließ ich den Vorhang fallen und drehte mich um. Ich ging ein paar Schritte weiter und ließ mich auf den kalten Boden nieder. Ich stöhnte und streckte meine schmerzenden Beine aus. »Und jetzt?« Ja, was nun? Was mach ich jetzt? Alles sehr gute Fragen. Und keine Antwort in Sicht. Hätte ich doch nur eine Haarnadel, dann könnte ich wenigstens versuchen die Türen zu knacken! Schwer seufzend lehnte ich mich an die Wand und schloss müde meine Augen. Eine kurze Pause wäre jetzt gut.

»Hey, wach auf!« Grob stieß mich jemand an und ich wachte unsanft auf. Verwirrt blickte ich auf und sah in die gleichen grünen Augen wie vorhin oder gestern? Ich wusste es nicht. Es könnten Tage oder nur Stunden vergangen sein. »Wie lange willst du da noch sitzen?« fragte mich der Mann unfreundlich. Mit einer scharfen Erwiderung auf der Zunge stand ich auf und wollte sie gerade loswerden, doch da sah ich den verletzten Cheshire in den Armen des Fremden liegen.

Chess«, brachte ich erleichtert hervor. »Wie geht es ihm?« Ich trat dichter auf die Beiden zu und streichelte vorsichtig über Chess weiches Fell. Er schlief tief und fest.

»Was glaubst du denn? Er braucht nen Heiler, aber schnell! Wäre also nett, wenn du mal in die Gänge kommst.« Getroffen zuckte ich zusammen.

»Würde ich ja gerne, aber die Türen sind alle verschlossen!« sagte ich bissig.

»Dann benutz doch den verdammten Schlüssel!« stieß er ungeduldig hervor.

»Welcher Schlüssel denn?« keifte ich zurück.

»Na, der auf den Tisch! Bist du dumm oder was?« Zischte er mich an. Überrascht drehte ich mich um und lief zum Tisch und tatsächlich. Da lag ein kleiner verzierter Schlüssel aus Gusseisen. Schnell nahm ich ihn an mich und probierte ihn an allen Türen aus, aber keine ließ sich damit öffnen. Nur noch eine Tür blieb übrig, die Kleine hinter dem Vorhang. Ich kniete mich auf den Boden schob den Vorhang beiseite und steckte den Schlüssel in die winzige Tür und tatsächlich. Die Tür ging auf und helles Sonnenlicht schien durch die winzige Öffnung. Ich sah hinaus und blickte direkt auf eine weiße Wiese voller Schnee.

»Und jetzt? Da passen wir nicht durch!« Meine Stimmung war im tiefsten Keller und ich machte mir mächtig Sorgen um Chess. Fragend sah ich zu dem Fremden.

»Schlupflutsch« kam es schwach von Cheshire.

»Was?« Ich stand auf. »Schlupflutsch? Was ist das?« fragend sah ich zu Chess. Schwer atmend sah er mich aus kleinen Augen an.

»Für dieses Spielchen haben wir jetzt keine Zeit!« stieß der Rotschopf entschieden hervor. Zielstrebig schritt er auf die morsche Tür zu und trat mit voller Wucht dagegen. Die Tür flog aus ihren Angeln und kippte nach hinten um. Der Weg war frei.

»Können wir?« fragte er mich ungeduldig und drehte sich zu mir um. Sprachlos starrte ich ihn an, wie er da, mit Chess in den Armen stand. Die Sonne strahlte auf ihn hinab und ließ sein rotes Haar erleuchten.

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