08. Jabberwock

Ich rannte so schnell ich konnte und ließ die Glühwürmchen hinter mir.

»Chess«, brüllte ich.

»Bin direkt hinter dir!« Rief er zurück.

»Ich sehe nichts! Die Glühwürmchen sind zu langsam!« Rief ich gehetzt.

»Lauf einfach weiter!« Blind rannte ich einfach gerade aus in die Dunkelheit hinein. Ich wurde gekratzt, schnitt mich an scharfen Ästen und mehrmals flog ich hin. Doch jedes Mal stand ich wieder auf und lief tapfer weiter. Anhalten war keine Option! Die Bäume brachen und flogen umher. Äste und Holzstücke zischten immer wieder haarscharf an unseren Köpfen vorbei, während sich das Ding einen Weg durch den Wald stampfte.

»Was ist das für ein Monster?«, rief ich außer Atem.

»Ein Jabberwocky!« Entsetzt zog ich scharf die Luft ein.

»Ich dachte der wäre Tod!«

»Ja, der Eine!«

»Was soll das denn jetzt heißen? Wieviel gibt es denn von denen?«

»Viel zu viele, besonders im Niemalswald und jetzt spar dir deinen Atem und nimm die Beine in die Hand!« Wir hetzten in die Finsternis und ich lief stur gerade aus.

»So wird das nichts! Lauf in Zickzack Kurs!«

»Was soll ich?« brüllte ich und drehte mich nach hinten um. »Scheiße!« Durch den sanften Schein der Glühwürmchen, die mehrere Schritte hinter uns schwebten, konnte ich sehen wie dicht uns das Ding schon gekommen war. Es war riesig und es hatte Flügel. Wie ein Drache! Der Jabberwock gab ein lautes Gebrüll von sich, was meinen ganzen Körper vibrieren ließ und mein Herz rutschte mir sofort in die Hose.

»Chess tu doch was! Das schaffen wir nie!« Ich zitterte wie Espenlaub und meine Stimme hörte sich laut und schrill in meinen Ohren an.

»Ich bin eine Katze! Was soll ich denn verdammt nochmal tun?« Rief er giftig.

»Du bist Cheshire und nicht irgendeine Katze, also tu was!« Wir werden sterben und dann wars das mit dem Unterland! Scheiße, warum kam mir nur jetzt dieser Gedanke?

»Renn einfach weiter Lucilla. Es müsste bald kommen!«

»Was meinst du?« Leise Hoffnung stieg in mir auf.

»Das Kaninchenloch!«

»Dein Ernst?« Ich dachte wenigstens das wäre eine Erfindung gewesen!

»Ja und jetzt mach schneller!« Ich versuchte noch einen Zahn zuzulegen doch meine Beine wollten nicht mehr. Mein Herz donnerte wie wild gegen meine Rippen und die Seiten taten mir weh. Mein Atem ging viel zu schnell und ich merkte das ich dieses Tempo nicht mehr lange halten konnte. Geb nicht auf! Schrie ich mich selbst an, als ich auf einmal einen heißen Luftzug spürte. Etwas Warmes und Klebriges tropfte auf meine Schultern und entsetzt blickte ich nach oben. Der Jabberwock flog direkt über unsere Köpfe und breitete gefährlich seine Flügel aus. Ich glaubte, solche Angst wie in diesen Augenblick, würde ich niemals mehr verspüren. Blind prallte ich gegen eine Hecke.

»Nicht stehen bleiben. Wir müssen dadurch!« rief Cheshire ätzend.
Ohne groß darüber nachzudenken zwängte ich mich durch das dicke Geäst und riss mir dabei überall die Haut auf. Durch die panische Angst spürte ich kaum Schmerzen und zuckte nicht zurück. Mit einem letzten Aufschrei durchstoß ich das letzte Stück und stolperte ins Licht. Wir landeten auf einer grünen Wiese und einige Meter vor uns thronte ein riesiger Baum. Davor war das Kaninchenloch und darauf saß der Jabberwock!

»Chess«, sagte ich verzweifelt und ich merkte wie mir die Tränen kamen. »Ich will nicht sterben!«

»Wer will das schon?« flüsterte er und starrte den Jabberwocky an.

»Was tun wir jetzt?« Mein Gehirn schien nicht mehr betriebsfähig. Es brachte nichts mehr Vernünftiges zustande. Laut atmete Cheshire ein und seufzte schwer.

»Ich werde ihn ablenken und sobald er seinen Hintern vom Loch bewegt. Stürzt du darauf zu und springst hinein!« Berechnend lag sein Blick auf den Jabberwock als er mir dies sagte. Mein Hirn brauchte eine kurze Weile, um dies zu verstehen.

»Was? Nein! Auf gar keinen Fall!« Stieß ich wütend hervor. »Du wirst dich nicht für mich opfern!«

»Wieso für dich? Ich tu das fürs Unterland. Für meine Freunde dort!« Bedeutungsvoll sah er mir in die Augen bevor er seinen Blick wieder abwandte und auf den Jabberwock zu sprang.

»Nein, Chess. Tu das nicht!« schrie ich voller Schmerz. Chess lief direkt auf den Jabberwock zu der schnaufend auf dem Loch saß. Chess machte einen riesigen Satz und landete auf des Monsters Kopf. Ich hörte ein lautes Fauchen und sah Chess Zähne blitzen als er den Jabberwock fest in die Nase biss. Das Monster jaulte schmerzhaft auf und schleuderte seinen Kopf herum, doch Chess krallte sich fest und ließ nicht los!
Erstarrt sah ich dabei zu, wie der legendäre kleine Cheshire um mein Leben. Nein, um das Leben aller im Unterland kämpfte! Tu was Lucilla! Ja, aber was? Was konnte ich schon ausrichten? Grandma … Hilf mir doch! Was würdest du jetzt machen? Noch immer biss sich Cheshire tapfer an dem Monster fest. Doch just in diesen Augenblick langte das Vieh nach ihm und schleuderte ihn von sich. Chess krachte mit voller Wucht gegen den Baum und fiel zu Boden. Bewegungslos lag er da in seinem Blut.

»Chess! Chess!« hauchte ich. Mein Hals fühlte sich trocken und geschwollen an. Tränen liefen in Strömen an mir herab. Der Jabberwock stand auf und ging gemächlich auf den leblosen Chess zu. Steh auf! Steh verdammt noch mal auf! Das Loch ist frei! Du musst da rein! Sprach eine andere Stimme zu mir. Wie hypnotisiert sah ich zu Cheshire und konnte mich nicht bewegen. Steh auf! Mach schon! Soll sein Opfer umsonst gewesen sein? Erst da horchte ich auf und sah zur Seite. Eine große menschliche Gestalt kam aus dem Gebüsch und eilte auf mich zu.

»Steh auf!« befahl eine männliche Stimme mir. Meine Beine gehorchten wie von selbst und ich richtete mich auf. Ich wurde grob am Arm gepackt und zu dem Loch gezerrt.

»Spring!« Befahl er mir. Ich starrte zuerst in das dunkle Loch und dann zu Chess. Mein Herz verkrampfte sich und ich blickte zu der in schwarz, verhüllten Gestalt. Leuchtend grüne Augen sahen mich sanft, aber bestimmt an.

»Ich kann ihn doch nicht zurücklassen!«

»Ich kümmere mich um ihn!« Dabei zog er ein glänzendes Schwert aus der Scheide.

»Wer bist du?« Irritiert und verwirrt starrte ich diese grünen Augen an.

»Das erfährst du noch« Fest umschloss er sein Schwert und stieß mich in das Kaninchenloch. Laut schrie ich auf und versuchte mich noch an ihm festzuhalten. Ich bekam nur seine schwarze Mütze zu fassen und riss ihn die vom Kopf. Leuchtend rote Haare bekam ich noch zu Gesicht bevor ich in die Tiefe stürzte.

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