07. Der Niemalswald

»Denk mal richtig darüber nach!«

»Du bist einfach verrückt!« rutschte es mir raus. Es war Mittag und die Sonne strahlte durch das Blätterdach auf uns herab. Mir war heiß und der Schweiß brannte in meinen Augen. Die Bäume drängten sich immer dichter und ich hatte das Gefühl, dass der Weg immer schmaler wurde.

»Du nimmst also den einfachen Weg.« Cheshire hörte sich enttäuscht an. Verwundert ging mein Blick zu ihm. Sein Schwanz hing schlaff auf den Boden herab und sein Köpfchen ragte nicht so stolz in die Höhe wie sonst.

»Chess, es ist viel zu heiß für so ein Thema! Können wir das nicht auf später vertagen?« sagte ich erschöpft. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn.

»Alice war in deinem Alter viel reifer als du jetzt.« Falls dies eine Beleidung sein sollte, so störte sie mich nicht.

»Grandma wuchs auch in einer anderen Zeit auf und damals herrschte Krieg. Da war jedes Kind erwachsener als ich! Ich überdenke meine Antwort nochmal, okay? Aber jetzt lass bitte dieses Thema und sag mir lieber, wann wir endlich da sind!« Entgegnete ich wehleidig.

»Wir sind da!«

»Was?« Überrascht sah ich nach vorne und tatsächlich. Wir sind da.

Es war unverkennbar! Die Bäume, ganz schwarz vor Ruß, ragten groß und bedrohlich vor uns auf. Kein Laut und kein Licht drang aus dem Waldabschnitt hervor. Gänsehaut überzog meine Arme und es schüttelte mich bei dem Gedanken da rein gehen zu müssen. »Gab es einen Waldbrand?« fragte ich atemlos.

»Nein, der Wald sah schon immer so aus!« Antwortete Chess rau.

»Ich dachte du warst noch nie hier?«

»War ich auch nicht, aber es gibt Geschichten.«

»Erzählst du mir eine davon?« Meine Beine hielten wie von allein, kurz vor den dunklen Bäumen an.

»Lieber nicht.« Ernst sah er zu den verkohlten Bäumen. »Sonst folgst du mir nicht!« Und damit setzte er sich in Bewegung. Eine leise Angst beschlich mich und ich hielt den Atem an, als ich den ersten Schritt in die Finsternis wagte.

»Chess, Cheshire«, rief ich flüsternd. »Wo bist du? Ich sehe nichts!« Im Niemalswald herrschte absolute Finsternis. Ich sah nicht mal meinen eigenen Körper. Noch wusste ich wo ich lang gehen musste. Ich folgte einfach blind die leisen Geräusche von Chess Pfoten. Ängstlich verkrampfte sich mein Magen.

»Ich bin hier. Hab keine Angst!« Sagte er beruhigend, dicht neben mir. Chess schien wieder neben mir zu schweben und das beruhigte mich ein bisschen.

»Chess, ich kann nichts sehen. Du musst mir sagen wohin ich gehen muss!« Flüsterte ich ihm zu.

»Moment, einen Augenblick.« Stutzig blieb ich stehen. Ich hörte Cheshire mir unbekannte Wörter flüstern, als dicht vor mir eine kleine Kugel aus sanftem Licht erschien.

»Du beherrscht Magie?« Fasziniert starrte ich die Kugel vor mir an und ging langsam auf sie zu.

»Nein, das sind Glühwürmchen.«

»Glühwürmchen?« Skeptisch starrte ich das Licht an.

»Ja, Glühwürmchen. Ich gehe doch stark davon aus, dass du weißt was das ist.« Erwiderte er genervt.

»Klar, weiß ich was das ist! Aber … wie hast du? Du weißt schon.« Noch immer hing mein Blick an der Kugel.

»Ich habe sie gerufen und sie gebeten uns zu helfen.« Sagte er nüchtern.

»Wie ruft man Glühwürmchen?«

»Das verrate ich dir nicht!« Erklang seine Antwort abweisend.

»Warum nicht?« Fragte ich ihn enttäuscht.

»Du bist nicht bereit.« Ich horchte auf.

»Ich soll das Unterland retten, aber dafür bin ich noch nicht bereit?« rief ich überrascht aus.

»So siehts aus!«

Unter dem sanften Licht folgte ich den Pfad immer tiefer in den Wald hinein. Mittlerweile wünschte ich mir, dass das Licht wieder erlosch und ich nichts mehr sah. Ich redete mir ein, dass es dann nicht mehr so unheimlich wäre. Die dunklen Schämen am Rande des Pfades wurden mit jedem Schritt immer unheimlicher. Die alten verkohlten Bäume sahen in dem Licht wie Monster aus, die ihre Arme nach mir ausstreckten. Vereinzelnd sah ich auch glühende Augenpaare im Dickicht aufleuchten. Und jedes Mal erschreckte ich mich dabei fast zu Tode.

»Chess, sag mal« flüsterte ich. »Was gibt es hier so für Tiere?«

»Tiere? Du meinst eher Monster.« Flüsterte er zurück. Bei dem Wort Monster zuckte ich zusammen.

»Meinst du das ernst?« Fragte ich vorsichtig.

»Sicher. Die Geschichten erzählen vieles über die Monster, die hier hausen.«

»Und was erzählen die so?« Ängstlich sah ich mich um.

»Das willst du ganz sicher nicht wissen!« Sagte er bestimmt.

»Was machen wir, wenn wir eins begegnen?«

»Laufen und zwar so schnell wie möglich!«

»Scheiße Chess! Was ist das hier nur für ein verdammte Scheiße, in die du mich hineinzerrst?«

»Das war nicht ich, sondern Alice.« Scheiße Grandma. In was hast du mich nur hineingeritten? Im nächsten Moment hörten wir vor uns ein lautes Krachen. Ängstlich und erschrocken sahen wir Beide auf. Ein paar Kilometer vor uns teilten sich die Bäume und jede Menge Sand wurde in die Luft geschleuderte. Das Ding, was es auch immer war, schien direkten Kurs auf uns zu nehmen.

»Chess.«

»Lauf! Lucilla lauf!« brüllte Cheshire.

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