06. Eine kleine Wanderung

Der Kuss war weder romantisch noch leidenschaftlich. Es war einfach ein aufeinanderlegen zweier Münder, wobei ich ihre Lippen kaum auf den Meinen spürte. Es fühlte sich eher so an, als würde der Wind sachte über meine Lippen streichen. So schnell wie der Kuss auch kam, so war er auch schon wieder vorbei. Sie ließ ihre Hand von meiner Wange gleiten und strahlte mich mit ihren grünen Augen an. Eine heiße Wärme stieg mir zu Kopf und ich sah bestimmt rot wie eine Tomate aus. Meine Augen riss ich erschrocken auf und mein Mund wollte vergeblich irgendwelche Worte formen. Mein Erster Kuss! Formte mein Gehirn.

»Verdammt!« rutschte es mir doch noch raus. Die Frau lächelte mich entschuldigend an.

»Tut mir leid, aber anders ging es nicht.«

»Was ging nicht anders? Was hast du mit Lucilla gemacht? Sie riecht anders als vorher!« Verwundert sah ich zu Cheshire und dann fragend zu der Frau. Zerknirscht verzog sie ihren Mund.

»Ich habe ein altes Versprechen an Alice eingelöst.«
Überrascht rief ich

»Grandma wollte das du mich küsst?« Verwirrt stand ich auf und schritt umher. Stillstehen konnte ich nicht mehr.

»Na, dass nun nicht gerade, Kind.« Belustigt kicherte sie.
Wütend drehte ich mich zu ihr um und keifte sie an.

»Wenn nicht das, was denn dann?«

Verwundert hob sie ihre Augenbrauen. »So also dankt einen die Jugend heute.«

»Dank? Dank wofür?« Nun stand ich ihr direkt gegenüber und ich hatte das seltsame Bedürfnis durch sie durch zu greifen. Verwirrt schüttelte ich meinen Kopf und besah mich ihrer merkwürdigen Gestalt. Sie schien weder alt noch jung zu sein. Weder schön noch hässlich. Sie schimmerte leicht und es wirkte als würde ihr Körper jeden Moment verblassen.

»Ich habe dir Macht geschenkt.« Antwortete sie endlich.

»Macht? Was meinst du mit Macht?« Rief ich aufgewühlt.

»Die Macht das Richtige zu sehen und zu erkennen.« Sagte sie bedeutungsvoll. »Und nun solltet ihr Beide gehen. Ihr habt noch einen weiten Weg vor euch.« Mit diesen Worten verschwand sie. Sie löste sich einfach vor unseren Augen auf. Sprachlos starrte ich das Fleckchen Erde an, wo sie eben noch gestanden hatte. Schweigend ließen wir das Meer der ewigen Blumen hinter uns und begaben uns auf den nächsten Pfad.

»Wie lange werden wir bis zum Niemalswald brauchen?« Langsam trottete ich neben Cheshire her. Wir wanderten nun schon seit Stunden schweigend einen schmalen Waldweg entlang und ich hatte keine Lust mehr auf meine trüben Gedanken! Die Worte dieser Alten gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Chess blieb stehen und sah zu mir auf.

»Bist du müde? Wir könnten auch eine Pause einlegen. Wir sind auch schon den ganzen Tag unterwegs. Ich hatte ganz vergessen wie schwach ein Mensch doch ist!«

»Natürlich bin ich müde, es ist schon Nacht. Es ist so dunkel das ich kaum dich noch sehe. Geschweige Äste und Steine die mir den Weg versperren. Meine Beine und Arme sind voller Kratzer und tun mir weh.« Ich war wirklich ziemlich erschöpft. Körperlich wie geistig. Ich brauchte dringend eine Pause.

»Nun gut. Dann lass uns etwas rasten. Guck mal da vorne ist ein kleines freies Fleckchen. Dort kannst du eine Weile schlafen. Ich werde dich bei Sonnenaufgang wecken.« Kraftlos ging ich auf das besagte Fleckchen zu und ließ meinen Rucksack achtlos fallen. Ich setzte mich hin und streckte meine Beine aus. Ein lautes Gähnen konnte ich mir nicht mehr verkneifen. Ich krallte mir meinen Rucksack und legte mich hin. Als Kopfkissen war er nicht grad bestens geeignet, aber besser als nichts.

»Gute Nacht« brachte ich noch hervor, bevor sich meine Augen schlossen. Ich merkte nicht mehr wie Cheshire sich dicht neben mir einrollte und beruhigend schnurrte.

Der nächste Morgen kam schneller als gedacht. »Steh auf Lucilla!«

»Nein, ich will noch nicht!« Im nächsten Moment spürte ich Cheshires Pfote auf meiner Wange.

»Entweder stehst du jetzt auf oder ich fahr meine Krallen aus!« Schlaftrunken öffnete ich meine Augen und sah seine Krallen in der Sonne blitzen.

»Schon gut. Ich steh ja auf.« Murmelte ich. Müde gähnte und streckte ich mich. Blinzelnd sah ich in das Morgenlicht und kniff meine Augen zu.

»Hier iss!« Verwundert blickte ich zu ihm und sah neben ihm auf dem Boden mehrere Pilze in merkwürdigen Farben liegen. Misstrauisch kniff ich meine Augen leicht zusammen.

»Willst du mich vergiften?« Genervt stöhnte er auf.

»Nein, natürlich nicht. Iss jetzt einfach und dann lass uns weitergehen!« Noch immer misstrauisch schnappte ich mir einen dieser seltsamen Pilze und schnupperte dran. Mhm, riechen tat er normal. Vorsichtig leckte ich einmal dran. Meine Zunge kribbelte nicht und es passierte auch nichts anderes. Mein Magen knurrte vernehmlich und unter einem Seufzer biss ich herzhaft in den Pilz. Ich kaute und schluckte und was soll ich sagen. Er schmeckte einfach nach rohem Pilz. Mehr nicht. Schnell schulterte ich meinen Rucksack und nahm mir die anderen Pilze und lief Chess hinterher.

»Jetzt warte doch mal!«

»Sag mal, Chess. Was erwartet uns im Niemalswald?« Die Pilze hatte ich schon längst vertilgt und ich fühlte mich angenehm gesättigt, aber irgendwie fehlte noch was. Ich griff nach hinten in meinem Rucksack und fischte einen Schokoriegel heraus. Schon besser!

»Ich weiß es nicht genau. Niemand mir bekanntes war jemals dort.« Genüsslich ließ ich mir die Schokolade auf der Zunge zergehen, während ich über Chess Worte nachdachte.

»Musstest du nicht dadurch als du auf den Weg zu mir warst?« Ich sah nach unten, aber von Chess fehlte jede Spur.

»Was isst du da?« Mir blieb das Herz stehen und erschrocken kreischte ich auf, als Cheshires Kopf auf einmal dicht neben den meinem schwebte. Neugierig beschnupperte er meinen Schokoriegel.

»Hey, das ist meiner!« Schnell steckte ich mir den Riegel in den Mund.

»Das ist nicht nett. Freunde sollten doch immer teilen. Alice war viel netter zu mir!« Warf er mir verschnupft vor. Ich zuckte mit den Schultern und aß den Rest des Riegels ohne schlechtes Gewissen auf.

»Freunde sollten auch nicht ständig vom Thema ablenken und ihre Freunde dauernd so erschrecken!«

»Was kann ich dafür das du so schreckhaft bist.«

»Ich bin nicht schreckhaft! Es ist einfach nur nicht normal das Katzen schweben und sich ihre Körper auflösen können!«

»Und wer entscheidet was normal ist?« Fragte er altklug.

»Ähm, ja … nun. Gute Frage. Die Gesellschaft würde ich sagen.« Nachdenklich kratzte ich mich am Kinn.

»Deine oder meine Gesellschaft?«

»Hä?«

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