05. Das Meer der ewigen Blumen

Mit einem schmerzhaften Stöhnen prallte ich auf den Boden auf und begrub hunderte von leuchtenden Blumen unter mir. Ein dumpfer Schmerz durchschoss meine Glieder als ich versuchte mich aufzurichten. Mir wurde schwummrig und mein Blick trübte sich. Geschwächt sank ich zurück auf den Boden und schloss meine Augen. Ein kalter Wind zog auf und aus der Ferne näherte sich ein Donnern. Der Wind nahm stetig zu und zerrte an meinen Kleidern. Regentropfen landeten auf meinem Gesicht und holten mich aus meiner Benommenheit. Zaghaft hob ich meine Lider und sah direkt in Chess blau gesprenkelten Augen.

»Jetzt hast du uns aber in die Scheiße geritten! Kannst du aufstehen? Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden!« Unheilvoll glitt sein Blick von mir zum Himmel hinauf, wo ein greller Blitz die dunkeln Wolken teilte. Mit zittrigen Armen stemmte ich mich hoch und schwankte kurz. Es dauerte ein paar Sekunden bis ich richtig stand und vorsichtig machte ich ein paar kleine Schritte. Meine Beine fühlten sich wie Butter an, aber nach Chess Blick zu urteilen hatte ich keine Wahl.

»Dann lass uns verschwinden!« Mit wackligen Beinen folgte ich Cheshire so schnell ich konnte. Der Himmel über uns nahm stetig an Dunkelheit zu und der Wind peitschte uns unerbittlich ins Gesicht. Der Regen wurde immer stärker und nahm uns langsam die Sicht. Ein lauter Knall ließ mich zusammenzucken und verschreckt blieb ich stehen.

Was war das?« ängstlich sah ich mich um, konnte aber durch den starken Regen nicht viel erkennen.

»Ihr entkommt mir nicht!« hallte die wütende Stimme des Wächters durch den tosenden Sturm.

»Lucilla, pass auf! Hinter dir!« Zu schnell drehte ich mich um und rutschte auf den matschigen Boden aus, wodurch mich der Ast um ein Haar verfehlte. Mit noch immer zittrigen Beinen versuchte ich aufzustehen und rutschte nochmals aus. Der nächste Ast schoss auf mich zu als der Regen plötzlich aufhörte und sich der Sturm legte. Ein helles blaues Licht erstrahlte über die Wiese und der Ast hielt inne.

»Du hast versagt!« sagte eine kalte weibliche Stimme hinter mir. Verwundert wollte ich mich umdrehen, aber ich konnte mich nicht bewegen. »Sie gehören mir!« Bei diesen Worten stellten sich meine Nackenhaare ängstlich auf und ein eisiger Windzug streichelte mich. Mein Herz klopfte vor Angst. Wer war diese Frau? Was wollte sie von uns? Wieder versuchte ich mich vergeblich umzudrehen. »Lass es einfach. Du kannst dich erst wieder bewegen, wenn ich es so will!« Ich hörte wie sie sich in Bewegung setzte und ihre Schritte kamen immer näher, bis eine merkwürdige Gestalt vor mir stand. Merkwürdig, weil sie mir fast durchsichtig erschien. War sie ein Geist? Ich wollte meinen Kopf heben, um sie besser zu sehen, aber es ging noch immer nicht. So sah ich nur ihre Füße die ein paar Millimeter über den Boden schwebten. Moment! Sie schwebte! Von wem erklangen dann die Schritte, wenn nicht von ihr? Aufmerksam horchte ich auf, aber ich vernahm nur die tapsigen Geräusche von Cheshire die neben mir hielten.

»Es war nicht unsere Absicht eure Blumen zu beschädigen. Bitte vergebt uns.« Flehte Chess neben mir die geisterhafte Gestalt an.

»Dies ist mir sehr wohl bewusst. Es war die Schuld des alten halb verdorrten Wächters!« keifte sie.

»Ich bin nicht verdorrt!« hörten wir den Wächter vorwurfsvoll Rufen.

»Tzz«, gab die Frau abfällig von sich. »Mädchen, schau mich an!« Meine Starre fiel von mir ab und ich konnte mich endlich wieder frei bewegen. Langsam bewegte ich mich und lockerte meine Muskeln. »Ich sage es nicht noch einmal!« Sagte sie schneidend. Ich zuckte zusammen und hob eilig meinen Blick und riss vor erstaunen meine Augen auf.

»Du, Sie …. ich kenne dich!« Das Bild im Schlafzimmer meiner Großmutter erschien vor meinem geistigen Auge. Es war ein Porträt meiner Großmutter und einer ihrer Freudinnen. Sie hatte nie viel von ihr erzählt und ich lernte sie auch nie kennen, aber anhand der Ausstrahlung des Bildes konnte man sehr gut erkennen das sich diese beiden Frauen sehr nahestanden. »Du bist die Frau vom Bild!« sagte ich verblüfft. Misstrauisch blickte Chess zu der Frau hinüber.

Ein Lächeln zeigte sich auf ihren zarten Zügen und ihre grünen Augen verloren an Kälte. »Du siehst ihr sehr ähnlich!«

Stumm sahen wir uns an. »Heißt das, Sie ziehen uns nicht in die Unterwelt?« Kam es vorsichtig von Cheshire. Fragend sah ich zu ihr.

»Natürlich nicht. Alice würde mich umbringen!« Erwiderte sie lachend. Die Erinnerung an meine Großmutter stimmten mich traurig und eine einzelne Träne rollte meine Wange hinunter. »Kind, warum weinst du?« Eilig wischte ich mir über meine Wange und schniefte.

»Nichts.« krächzte ich. Ungläubig starrte sie mich an. »Es ist wirklich nichts!« bekräftige ich. Wenn sie wüsste das meine Großmutter Tod ist, vielleicht würde sie ihre Meinung ändern.

»Ich erkenne eine Lüge. Erzähl es mir!« forderte sie. Mein Magen verkrampfte sich und unruhig sah ich zu Cheshire hinüber. Dieser nickte mir bekräftigend zu.
Tief holte ich Luft und erzählte ihr mit leiser Stimme was mit meine Grandma passierte. Nachdem ich fertig war, blickte sie stumm zu Boden. »Ich wusste das dies irgendwann geschehen würde. Ihr Menschen seid so vergänglich.« Gab sie traurig von sich. Langsam ging sie vor mir in die Knie und hob ihre Hand. Verschreckt zuckte ich bei ihrer Berührung zurück. »Sie hat dich sehr geliebt!« Überrascht sah ich ihr in die Augen. Mitfühlend blickten sie mich an.

»Ich weiß. Ich habe sie auch sehr geliebt!« Sie seufzte schwer und schüttelte verhalten ihren Kopf.

»Dann ist es wohl jetzt an der Zeit.« Sagte sie ernst.

»Zeit wofür?« fragte Cheshire. Traurig sah sie erst zu Chess und dann wieder zu mir.

»Das werdet ihr bald verstehen.« Ohne Vorwarnung legte sie ihre Hand an meine Wange und küsste mich.

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