04. Der hölzerne Wächter

Ich vertrieb mir die Zeit damit, Chess mit weiteren Fragen zu löchern. »Warum gibt es eigentlich Magie an diesen beiden Orten? Ich dachte, in meiner Welt gäbe es keine.«

»Gibt es auch nicht. Die Beiden liegen in der Zwischenwelt. Die Welt zwischen Ober- und Unterland. Da wimmelt es nur so vor lauter wilder Magie. Sie ist gefährlich, bisweilen sogar tödlich. Selbst im Unterland steht uns nicht solche Magie zu Verfügung. Bei uns ist ihre Anwendung begrenzt, weswegen viele düstere Gestalten in die Zwischenwelt flüchten, um da ihren bösen Machenschaften nachzujagen.« Seit Stunden wanderten wir umher und mittlerweile wurde es schon dunkel, als sich plötzlich hinter der nächsten Gabelung uns ein einzelner uralter Baum in den Weg stellte. Verwundert blieb ich stehen und legte meine rechte Hand an den Stamm. Die Rinde schien unter meinen Fingern zu pulsieren und verschreckt zog ich sie wieder weg.

»Das ist einer der Wächter. Sie schützen die Zwischenwelt vor unwürdigen Eindringlingen.« Bedächtig sah Chess den besagten Wächter an. Skeptisch neigte ich meinen Kopf zur Seite.

»Es ist nur ein Baum. Wie sollte er uns am Betreten hindern können?« Forsch setzte ich mich in Bewegung und schob mehrere Zweige beiseite, als ein großer Zweig auf mich zu sauste und auf mich hinab peitschte. Ich wurde zurückgeschleudert und landete hart auf meinen Hintern.

»Wer wagt es, diesen heiligen Boden betreten zu wollen?«, fragte eine hölzerne Stimme barsch. Erschrocken hob ich meinen Kopf und staunend öffnete sich mein Mund. Ein grün leuchtendes Augenpaar blickte mich aus dem Stamm heraus an.

»Verehrter Wächter, ich bitte untätigst um Vergebung für das unentschuldbare Verhalten meiner Begleitung. Sie ist mit unseren Gebräuchen und Regeln nicht vertraut und meinte es nicht respektlos.« Tief verneigte sich Chess vor diesen Baum und verharrte so. Abwartend sah ich diesem merkwürdigen Schauspiel zu, als von Chess ein kurzes Hüsteln kam. Eilig stand ich auf und trat neben Chess vor den Wächter.

»Es tut mir unendlich leid, Herr Wächter. Bitte verzeiht mein unbedachtes Handeln.«, sagte ich so lieblich wie ich konnte und vollführte einen tiefen Knicks.

»Nun ja, ich will mal nicht so sein. Dir sei verziehen und nun kehrt wieder um!« Chess erwachte wieder zum Leben und regte sich.

»Das können wir nicht! Wir müssen so schnell wie möglich ins Unterland!«, sagte er inbrünstig. Skeptisch blickte der Wächter zwischen mir und Chess hin und her.

»Du darfst die Zwischenwelt betreten, aber das Mädchen bleibt hier. Sie ist dem Unterland nicht würdig!«, gab er herablassend von sich.

Böse funkelte ich ihn an. »Das geht nicht! Auch ich muss dorthin, sonst werden alle sterben!«

»Pah«, spie er aus. »Was denkst du, wer du bist Menschenkind, das du so etwas Abscheuliches prophezeist?«

»Ich bin Lucilla Kingsleigh und Alice war meine Großmutter. Lass mich passieren oder ich zerhacke dich in einzelne Stücke und verbrenne dich!«, rief ich forsch aus. Wie in Zeitlupe drehte sich Cheshire zu mir herum und schaute mich erstaunt an. Kam dies gerade wirklich von mir? Tapfer straffte ich meine Schultern und wandte meinen Blick nicht ab. Du musst jetzt standhalten!

»Wie kannst du es wagen, so mit einem Wächter zu sprechen?«, hallte donnernd seine Stimme übers Land und er schwoll zu seiner doppelten Größe an. Seine Äste stoben zu allen Seiten aus und zischten bedrohlich auf mich herab.

»Lauf Lucilla, lauf!«, schrie mir Chess zu, als ein kleiner Ast meine Wange schmerzlich streifte und die Haut darunter aufriss. Blind für meine restliche Umgebung lief ich einfach gerade aus und versuchte den Zweigen und Ästen so gut es ging auszuweichen.

»Du kommst hier nicht durch!«, donnerte die Stimme des Wächters. Ich lief schneller, mein Herz klopfte wie wild und meine Atmung ging viel zu schnell. Ein riesiger Ast, doppelte so groß wie ich selbst, zischte auf mich zu und ich sah die Wiese. Sie lag direkt dahinter. Ich schrie auf, ein lauter Kampfschrei und preschte auf ihn zu. Meine Füße wurden immer schneller, je dichter ich dem Ast kam und kurz bevor wir zusammenprallen konnten, stieß ich meine Füße fest in den Boden und stieß mich ab. Ich schoss in die Höhe und breitete meine Arme aus. Ich bekam ihn zu fassen! Meine Hände fühlten die raue Rinde und ich griff zu, klammerte mich an den festen Ast. Ich schrie auf, als der Ast mit mir in die Luft schoss und wie wild versuchte mich abzuschütteln. Wie verrückt klammerte ich mich an ihn und umschlang mit meinen Beinen die Rinde. Meine Wange drückte ich fest an den Ast und die Welt um mich herum verschwamm. Mir wurde schlecht und mein Herz schlug mir vor Angst bis zum Hals.

»Lass nicht los!«, brüllte mir Chess zu. Als wenn ich das vorgehabt hätte. Ich schloss meine Augen und verstärkte meinen Griff während ich in der Luft herumgeschleudert wurde. Mehrmals lockerte sich mein Griff durch die heftigen Bewegungen des Astes und ich überlegte fieberhaft wie ich nur wieder aus diesem Schlamassel herauskam.

»Pass auf!«, schrie Chess panisch. Ich machte meine Augen auf und sah gerade noch den Boden auf mich zukommen. Im letzten Moment stieß ich mich ab und sprang. Ich wurde durch den heftigen Aufprall des Astes in die Luft geschleudert und ich sah die Wiese. Tausend, kräftig leuchtende Blumen lagen unter mir.

»Scheiße«, brüllte ich und ruderte heftig mit meinen Armen. Ich konnte meine Richtung nicht ändern. Mich durchschoss die eisige Erkenntnis. Ich werde direkt auf die Blumen fallen!

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