03. Der Aufbruch

Mit einem mulmigen Gefühl und vor Aufregung geplagt betrat ich mit Chess unser Wohnhaus. Die Eingangstür gab ein leises Knarren von sich, als ich sie vorsichtig aufmachte und in den Flur schielte. »Die Luft ist rein.«, sagte ich laut und schaltete das Licht an. Chess tapste angespannt hinter mir hervor und schnüffelte unruhig in der Luft herum. »Was ist los? Außer uns ist niemand da. Meine Eltern scheinen noch beim Totenschmaus zu sein.«

»Ein merkwürdiger Geruch liegt in der Luft und man kann nie vorsichtig genug sein. Merk dir das!«

»Mhm, ja. Wie auch immer.« Unbeeindruckt ließ ich Chess im Flur stehen und eilte die Treppe hoch. In meinem Zimmer angekommen schnappte ich mir sogleich meinen Rucksack und legte ihn auf meinem Bett. Einen Koffer konnte ich nur schwerlich mitnehmen. Ich eilte ins Badezimmer und packte all meinen Kram, den ich für meine tägliche Pflege brauchte in die Waschtasche. Damit ging ich zurück in mein Zimmer und stellte mich vor meinen offenen Kleiderschrank. Nachdenklich musterte ich meine Kleidung. Was soll ich nur mitnehmen? Viel passt in einem Rucksack ja nicht rein.

»Nimm was Bequemes und Robustes.« Erschrocken quiekte ich auf. Chess Kopf schwebte neben den meinen, und zwar nur sein Kopf.

»Ach du meine Güte.«, rief ich verschreckt aus und hielt mir mein klopfendes Herz. »Chess, ist alles in Ordnung?« Staunend und verwirrt sah ich seinen Kopf an.

»Ja, warum?«, fragte er grinsend, während sein Kopf sich im Kreis drehte.

»Ähm, ja, nun. Ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber dein Körper ist verschwunden.«

»Ach, ist das so?« Bedächtig sah er an sich hinab, während sein Körper Stück für Stück, aus dem Nichts auftauchte. Mit großen Augen schaute ich dem Geschehen zu. »Ist es so besser?«, fragte er, nachdem sein Körper wieder vollständig war.

»Ähh, ja. Ich denke schon.«, gab ich entgeistert von mir.

»Pack auch etwas Warmes ein. Es müsste jetzt Winter im Unterland sein.« Genervt schüttete ich zum dritten Mal meinen Rucksack aus.

»Kannst du das nicht früher sagen! Und wie soll ich bitte, dass alles in meinem Rucksack bekommen? Winterkleidung nimmt zu viel Platz weg!« Frustriert setzte ich mich auf mein Bett und bedachte mürrisch den Berg an Kleidung.

»Du kannst auch frieren, wenn dir das lieber ist.«, sagte er hochmütig, während er in meinem Zimmer umher schwebte. Ja, er schwebte. Wer hat bitteschön schon mal eine schwebende Katze gesehen? Genervt verdrehte ich meine Augen und fing wieder von vorne an. Am Ende befanden sich zwei dicke Pullis, drei Jeanshosen, fünf Shirts, Unterwäsche, Socken und meine Waschtasche in meinem Rucksack. Wenn man jedes Kleidungsstück zusammenrollt, anstatt zusammenzulegen, nimmt es viel weniger Platz weg. Zufrieden machte ich den Rucksack zu.

Mittlerweile hatte ich mich umgezogen und trug eine Hose, einen dicken Pulli und meine besten Stiefel. Ich schwitze schon jetzt aus allen Poren und krempelte mir die Ärmel hoch. Meinen Mantel werde ich wohl tragen müssen. Das wäre echt zu warm.

»Wir sollten noch etwas Essen, bevor wir aufbrechen.« Ich nahm den Rucksack und meinen Mantel und spazierte zur Küche hinunter. Vorher stellte ich noch schnell die Sachen im Flur ab. »Was möchtest du?«. fragend blickte ich in den Kühlschrank.

»Fisch wäre nett.«

Schweigend saßen wir am Küchentresen und aßen. »Sollte ich noch etwas zu Essen und Trinken einpacken?«, fragte ich an Chess gewandt.

»Für Essen wird gesorgt sein. Ein Wasserschlauch für dich wäre hilfreich. Ich glaube nicht, dass du Wasser aus einem Fluss schlecken kannst oder doch?« Abschätzend musterte er mich.

»Mhm, wenn ich müsste, könnte ich dies bestimmt, aber ein Wasserschlauch wäre wohl besser.« Schnell aß ich auf und machte mich auf der Suche nach einem. Ich war der Meinung so etwas im Arbeitszimmer meines Vaters gesehen zu haben. Meine Ahnung bestätigte sich, als ich den Schlauch in der untersten Schublade des Schreibtisches fand. Flink nahm ich ihn an mich und quetschte ihn in den Rucksack. »Wollen wir denn?« Zu allem bereit stand ich im Flur und sah zu Chess hinunter.

»Auf geht´s.«

Am Ende der Straße angelangt drehte ich mich noch ein letztes Mal zu unserem Haus herum. »Bis bald.«, sagte ich wehmütig. Wer weiß wie lange ich weg sein werde. Zusammen mit Chess ließ ich mein Dorf hinter mir und wir verließen die Straße. Chess ging voraus und ich folgte ihm still über Felder und Wiesen. Hätte ich meinen Eltern einen Brief dalassen sollen? Sie werden sich bestimmt Sorgen um mich machen, sobald sie mein Verschwinden bemerken. Schlechten Gewissens blickte ich vor mir auf den Boden und seufzte schwer.

»Mach dir keine Sorgen. Sie werden dein Fehlen nicht bemerken.«

»Woher weißt du das?«, gab ich missmutig von mir.

»So war es immer bei Alice.« Mehr sagte er nicht dazu.

Es wurde still. Wir waren schon weit abseits von allen Straßen und man hörte nur noch das Rauschen des Windes und die Klänge der Tiere. »Wie gelangen wir ins Unterland?«, fragte ich nach einer Weile.

»Das wird dir nicht gefallen also frag nicht weiter.«, sagte Chess bestimmend.

»Wie meinst du das?« Schnell holte ich zu ihm auf.

»Du sollst doch nicht fragen.«, gab er murrend von sich.

»Ich frage aber! Also?«, abwartend sah ich ihn von der Seite an.

»Warum müssen Menschen nur immer so anstrengend sein?«, quengelte er.

»Lenk nicht vom Thema ab!«

»Vor uns liegen zwei Hindernisse, die wir zu bewältigen haben. Das Erste wäre das Meer der ewigen Blumen und das Zweite ist der Niemalswald.«

»Das sind aber seltsame Namen.«

»Rede mir nicht dazwischen, wenn ich dir etwas erklären soll!« Streng sah er mich an.

»Oh, Verzeihung.« Eine leichte Hitze stieg mir zu Kopf.

»Wenn wir das Meer der ewigen Blumen betreten, sei bloß auf der Hut und wage es ja nicht, unter gar keinen Umständen eine Blume zu pflücken! Und bleibe immer auf dem Pfad. Du darfst auf keine Blume treten. Verstanden?« Unheilvoll sah er mir in die Augen.

Schwer schluckte ich. »Okay. Was würde denn theoretisch passieren, wenn man eine pflückt? Und warum heißt es das Meer der ewigen Blumen?«

»Es liegt ein Zauber auf dieser Wiese. Die Blumen hören nie auf mit dem Blühen. Als wäre die Zeit stehen geblieben und hätte sie in ihren schönsten Zustand eingefroren. Wer den Zauber sprach, nun darüber gibt es viele Geschichten. Und die Antwort deiner ersten Frage weis ich leider nicht. Es hat noch nie jemand gewagt, dies zu tun, aber man sagt sich. Sollte sich jemals einer wagen, eine dieser Blumen ein Leid anzutun, würde der wütende Geist aus dem Jenseits erscheinen und einen mit hinunterziehen.« Ein breites Grinsen zog sich über sein Maul. »Also, verspürst du noch immer Lust, Blumen zu pflücken?«

»Nein, auf gar keinen Fall.« Eine Gänsehaut überzog meinen gesamten Körper bei der Vorstellung, ein Geist könnte plötzlich vor mir auftauchen und mich ins Reich der Toten verschleppen.

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