02. Die Chronosphäre

Stumm starrte mich die Katze mit ihren unheimlichen blauen Augen an. Ich fühlte mich unbehaglich unter ihrem Blick, deswegen wandte ich den Meinen ab.

»Was meinst du, mit war?«, zögernd schaute ich wieder zu der Katze und sah, wie sie dichter zu mir kam. Sie fixierte mich mit ihren Augen. Wie hypnotisiert starrte ich sie nun an. Ich merkte, wie die Tränen zurückkehrten und mir langsam über die Wangen liefen. Nun war ich es, die verstummte. Still weinte ich um meine Grandma.

»Bist du taub? Ich habe dich etwas gefragt!«, schniefend wischte ich mir die Tränen weg, nur damit sich neue den Weg erschließen konnten und ignorierte die Katze. Das schien sie erheblich zu stören, denn ihre Schnurrhaare vibrierten regelrecht! »Anscheinend hast du ein Leck, das du so viel Wasser lässt. Vielleicht hörst du deswegen so schlecht.« Fragend neigte sich ihr Kopf zur Seite.

Ein Leck? Ich prustete und ihre Ohren zuckten. Ein Lachen bahnte sich seinen Weg. Es war ein befreiendes Gefühl.

»Was ist?«, fragte die Katze verwirrt und mit peitschendem Schwanz, während ich meinen Bauch vor Lachen umschlang. Ich beugte mich vor und lachte weiter. Jetzt liefen meine Tränen aus Freude und nicht mehr aus Trauer.

»Miau, eindeutig verrückt!«, stellte die Katze verschnupft fest.

Mein Lachen verklang und ich beruhigte mich langsam, während sie mich misstrauisch beobachtete. »Wie heißt du eigentlich?«, fragte ich sie und wischte die übrigen Tränen weg.

Stramm setzte sie sich auf und plusterte ihre Brust. »Ich bin als Cheshire bekannt. Meine Freunde nennen mich aber einfach Chess.«

»Oh, du bist also ein Er.«

»Was dachtest du denn?«, fragte er verwundert. Ich zuckte mit den Schultern.

»Bei Katzen erkennt man das ja immer so schlecht, wenn man nicht einen bestimmten Blick riskiert.«

»Tz, verrückt und vulgär! Ganz anders als unsere Alice!«, sagte Chess beleidigend. »Jetzt sag mir, was du mit war, meintest!« Streng sahen seine Augen mich an.

Schwer atmete ich aus. »Grandma ist tot. Sie erlag letzte Woche dem Krebs.« Traurig sah ich auf meine Hände, die ich unmerklich zu Fäusten geballt hatte. Zischend zog Chess die Luft ein.

»Was für eine Tragödie. Arme Alice.«, sagte Chess mit trauriger Stimme, während es in seinen Augen leicht glitzerte. Konnten Katzen weinen?

»Ja, arme Grandma.«, stimmte ich zu.

»Hat Alice, vielleicht etwas hinterlassen?«, fragte Chess zögernd. Ich horchte auf.

»Meinst du etwas Bestimmtes?«, fragte ich kühl.

Er nickte. »Es ist klein, rund und aus Gold. Es zeigt dir die Tageszeit an. Ein Zeitmesser.« Unwillkürlich griff ich nach meinem Anhänger und umschloss ihn schützend mir der Hand.

»Warum fragst du danach?«

»Weil wir im Unterland es dringend brauchen! Es war ein Geschenk von Zeit für deine Grandma, als Dank für ihre Hilfe. Doch jetzt fordert es Zeit zurück!«

»Meinst du mit Unterland das Wunderland?« War Grandma etwa doch nicht verrückt gewesen?

»Ja, Alice nannte es immer das Wunderland! Hast du diesen Gegenstand gesehen oder weißt du etwas darüber?« Stumm sah ich ihn an. Sollte oder sollte ich nicht?

»Vielleicht.«, sagte ich unbestimmt. »Wozu braucht ihr es denn so dringend?«

Hastig leckte Chess über seine Pfote. »Die Chronosphäre wurde von der roten Königin manipuliert. Trotz Verbannung drang sie wieder ins Unterland ein und wickelte Zeit um ihren Finger. Sie besetzt die Festung und niemand kommt zu ihnen durch.«

»Wenn niemand durchkommt, was bringt euch dann der Zeitmesser?« Ich versuchte, unbekümmert zu wirken, wenngleich mir die Nachricht zusetzte. Ich bin mit den fantastischen Geschichten über das Wunderland aufgewachsen und weiß folglich über die Chronosphäre und der roten Königin Bescheid. Das letzte Mal wurde das ganze Unterland, wie Chess es nannte, fast zerstört, weil sich Grandma die Chronosphäre auslieh, um dem Hutmacher zu helfen. Sie meinte mal, dass man mit dieser die Zeit manipulieren könne.

»Das Zeitmesser ist auch eine Chronosphäre. Zeit hat sie gebaut und Alice zur sicheren Aufbewahrung geschenkt. Wenn wir nicht bald etwas tun, werden wir alle verschwinden!«, rief Chess ängstlich.

»Wie verschwinden?«, fragte ich nun auch ängstlich.

»Die Zeit läuft rückwärts. Wir werden von Tag zu Tag jünger. Gebäude und Bewohner verschwinden! Tarrant zählt nun schon 26 Lebensjahre. Dabei war er bei Alices Abschied 76 Jahre.« Katzen konnten also weinen. Chess blickte mich voller Tränen an und mein Herz verkrampfte sich vor Mitleid.

»Wer ist Tarrant?«

»Na, der Hutmacher! Tarrant Hightopp!«

»Das kann nicht sein! Der Hutmacher war nach Grandmas Erzählungen nicht so alt!«, widersprach ich.

»Nicht nach dem äußerlichen Erscheinen, aber nach der Anzahl der Jahre schon. Tarrant nahm im Alter von 28 Jahren einen Trank, der die körperliche Alterung aufhielt. Es war ein Geschenk der weißen Königin für seine Arbeit als grandioser Hutmacher. Doch jetzt ist der Trank unwirksam. Die Zeit hat es ungeschehen gemacht. Seit zwei Jahren wird auch er jünger!«

»Das tut mir leid. Doch warum kommst du denn erst jetzt?« 50 Jahre, das ist doch eine sehr lange Zeit und genug Gelegenheit wäre gewesen.

»Im Unterland laufen die Uhren anders. Zudem ist es sehr, sehr schwierig von dort aus ins Oberland zu kommen und als ich dann endlich hier ankam, brauchte ich noch ein Jahr, um Alices Aufenthaltsort zu finden. Doch habe ich sie nicht gefunden. Ich sah immer nur dich.«

»Mhm, ja.« Grandma lag die letzten Monate ihres Lebens nur noch schwach in ihrem Bett und täglich war ich nach der Uni zu ihr geeilt. Still hatte ich an ihrer Seite gesessen und ihr beim Schlafen zugesehen. »Und du bist nur wegen der Chronosphäre hier?«, fragte ich tief in Erinnerungen versunken.

Chess schüttelte seinen Kopf. »Nein. Ich wurde mit dem Auftrag hierhergeschickt, Alice samt der Chronosphäre ins Unterland zu bringen.«, antwortete Chess ernst.

Verschreckt sah ich auf. »Mit Grandma? Warum?«

»Nur mit Alices Hilfe schaffen wir es, die rote Königin zu besiegen und die Chronosphäre zu ersetzen! Alice ist die stärkste Kriegerin!«, sagte er voller Überzeugung. Grandma eine Kriegerin? Der Gedanke ließ mich auflachen.

»Doch nun ist sie tot und unser Ende nah!« Verzweifelt blickte er zu Boden. Bei diesen Worten fasste ich einen Entschluss. Ich setzte mich auf und stellte mich gerade hin.

»Das Ende wird nicht kommen! Bring mich ins Unterland!« Fest sah ich auf Chess hinunter.

»Und die Chronosphäre?« Ich nahm meine Kette ab und zeigte Chess den Anhänger.

»Meinst du die hier?« Auf Cheshire Gesicht zeigte sich ein böses Grinsen.

»Nun denn. Lass das Spiel beginnen!«

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