01. Ein Ende ist gleich ein Anfang

Mit Tränen verhangenen Augen erwachte ich aus meinem Traum und blinzelte dem grellen Sonnenlicht entgegen. Zu laut, zu hell! Geblendet hielt ich mir schützend eine Hand vors Gesicht und schob die Bettdecke beiseite. Träge setzte ich mich auf und berührte mit nackten Sohlen die kalten Holzdielen. Dabei stöhnte ich wie eine alte Dame, erhob und begab mich langsam zum Fenster mit den geöffneten Vorhängen. Ruckartig, sodass mir ein bisschen schwindelte, zog ich sie zu. Das Zimmer, nun in völliger Dunkelheit getaucht und von der Außenwelt abgeschnitten, kam mir gleich viel ruhiger vor.

»So ist es gut, so ist es fein.« Ein Lächeln, was etwas in Schieflage geriet, zeichnete sich auf meinem blassen Gesicht ab. Dann begab ich mich von Müdigkeit und Trauer gebeutelt zurück ins Bett und legte mich hin, mir selbst zu murmelnd: »Schlaf ein, schlaf ein! Eins, Zwei, Drei.«

»Lucy, liegst du immer noch im Bett? Steh auf und mach dich fertig!« Energisch klopfte meine Mutter an meiner Zimmertür. »Lucilla« empörte sie sich. »In 15 Minuten bist du unten!«

Stöhnend vergrub ich mein Kopf unter mein Kissen. Ich will nicht! Ich will nicht, dass das passiert! Kein Abschied bedeutet auch kein Wiedersehen. Kamen mir Grandmas Worte in Erinnerung. O, wie ich ihre Sprüche verabscheut hatte und wie ich sie jetzt schmerzlich vermisste!

Schniefend wischte ich mir über die Augen und tat das, was von mir erwartet wurde. Ich öffnete meinen Kleiderschrank und zog ein kurzes schwarzes Kleid heraus. Eilig streifte ich es über und kämmte mir mit meinem Fingern durch mein blondes Haar. Anschließend flitzte ich ins Badezimmer, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und putzte mir die Zähne.

»Lucy», rief meine Mutter ärgerlich von unten hinauf.

»Ja, ich komme schon.« Einen kurzen Blick in den Spiegel gönnte ich mir noch und bereute es sofort. Ein dürres, von Trauer gezeichnetes Gesicht, sah mir entgegen. Hastig wand ich mich ab und knallte die Tür hinter mir zu. »Halt!«, schallte ich mich selbst und begab mich nochmal zurück. »Hätte dich beinahe vergessen.« Behutsam nahm ich meine Kette aus der Schatulle und band sie mir um. Der Anhänger landete warm an meiner Brust. Zeitgleich hatte ich das Gefühl, als umarmte mich meine Grandma. Ihr Duft nach Lavendel, stieg mir in die Nase. Fest umschloss ich den Anhänger mit der rechten Hand. »Heute sagen wir ein letztes Mal auf Wiedersehen, Grandma!«

Von dunklen alten Steinen und eisiger Kälte umgeben, standen wir alle – dicht beisammen, in der kleinen Kirche und lauschten dem Pastor, der so alt wie die Kirche selbst erschien, und gerade die Abschiedspredigt für meine Grandma hielt.

»Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht«

Still neigten sich die Köpfe der Anderen, während der Pastor predigte. Schweigend glitt mein Blick über die geneigten Köpfe und blieb an dem offenen Sarg hängen, worin meine Grandma lag. Friedlich schlief sie den Schlaf, der niemals endete.

»Viele Menschen fürchten jede Art von Abschied. Denn Abschiede enthalten stets beides, Aufbruch und Trauer.« Seine Worte trafen mich zutiefst. Ich scheute schon immer vor Abschieden und jetzt stand mir der Schlimmste von allen bevor. Als wären meine Gedanken eine Art Stichwort gewesen, stupste meine Mutter mich von der Seite an.

»Möchtest du allein oder mit uns zusammen gehen?«, raunte sie mir leise in mein Ohr. Abwartend sah sie mich an. Dies war eine gute Frage, Eine, vor der ich mich seit Tagen drückte. Würde ich allein gehen, könnte ich mich in Ruhe und mit meinen eigenen Worten bei Grandma verabschieden. Niemand würde meine Worte hören. Ich könnte sagen was ich wollte unter den Augen aller Anwesenden. Gehe ich zusammen mit meinen Eltern, wären die Blicke aller nicht nur auf mich gerichtet, aber dafür wären Grandma und ich nicht unter uns.

Ich neigte meinen Kopf etwas näher zu ihr hin. »Ich gehe allein!«, flüsterte ich ihr mit meiner kratzigen Stimme zu. Mitfühlend nickte sie und griff nach meiner eisigen Hand. Fest umschloss sie sie und gab mir dadurch etwas Kraft.

Nun stand ich hier. Allein und alle Blicke auf mich gerichtet, nur meiner, der lag auf Grandma. Mein Herz tat mir weh und das Atmen viel mir schwer. Auf den Weg zum Altar dachte ich kurzweilig, ich würde ersticken.

Konzentriert versuchte ich den schlafenden Anblick meiner Grandma in mir einzusaugen. Für immer in meinem Kopf gespeichert. Ich beugte mich vor und strich ihr behutsam von der Stirn zum Kinn hinab. »O Grandma, jetzt ist es soweit, doch will ich nicht. Ein außerordentliches Unterfangen wird von mir abverlangt! Mich sträubt es und es widert mich an. Der Gedanke, dir Lebewohl zu sagen ist unerträglich. Komm wieder zu mir und erzähl mir deine wunderlichen Geschichten. Ich werde auch still sein und dich nicht unterbrechen!« Mein Körper bebte vom Zittern und ich fiel auf die Knie. Meine Finger krallten sich in den Sarg, während mir die Tränen über die Wangen liefen. »Kein Abschied bedeutet auch kein Wiedersehen. Ja, ich weiß. Doch bedeutet denn auch ein Abschied gleich ein Wiedersehen? Und wo ist das Wiedersehen? Und wann?« Zitternd wischte ich mir meine Tränen weg und stand mit wackligen Beinen auf. »Wo werden wir uns Wiedersehen, Grandma? In deinem Wunderland wie du es mir versprochen hast?« Fest blickte ich auf ihre Gestalt hinab. »Wirst du mit dem Hutmacher Tee trinken, solange du auf mich wartest? Wenn dir langweilig wird, kannst du ja wieder die weißen Rosen der Königin rot anmalen oder du spielst Cricket, aber tu den Flamingos bitte nicht allzu weh.« Eine Hand berührte mich sachte am Oberarm. Ich drehte mich verwirrt um und sah in das traurige Gesicht meiner Mutter. Ich hatte die Anderen ganz vergessen.

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»Es wird Zeit, Lucilla.« Mein Herz blieb kurz stehen und mein Blick wanderte zum Boden. Still liefen meine Tränen und fielen herab. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und drehte mich wieder zu meiner Grandma um.

»Du hast Ma gehört.« Ich beugte mich zu ihr hinunter und gab ihr einen sanften Kuss auf ihre faltige Stirn. »Auf Wiedersehen Grandma. Wir sehen uns im Wunderland wieder! Ich liebe dich!« Mit diesen Worten wandte ich mich vom Sarg ab und schritt den Altar hinunter. Anders als die Anderen ging ich nicht zu meinem Sitzplatz zurück. Meine Füße wollten nicht anhalten, sie bewegten sich einfach immer weiter. Schritt um Schritt, verließ ich die Kirche. Ich hörte noch meine Eltern nach mir rufen, aber auch da hielten meine Füße nicht an. Sie wurden nur noch schneller, bis ich rannte.

Meine Füße trugen mich über Sand und Stein. Der Wind peitschte mir meine offenen Haare ins Gesicht und vor lauter Tränen sah ich meine Umgebung nicht. Ich weinte immer stärker, jaulte gequält auf. Schrie mir den Schmerz aus meinem Leib und rannte dabei immer schneller. Ich stolperte und fiel der Länge nach hin. »Ah, verdammt.«, fluchte ich schluchzend. Wütend ballte ich meine Hände zu Fäusten und drosch auf den Rasen ein, während die Tränen immer weiterliefen. Ich dachte an Grandma, wie sie da schlafend in ihrem Sarg lag. Dachte daran, dass sie bald nicht mehr da lag. Vielleicht nur für ein paar Stunden und dann würde sie in ihr Grab hinabgelassen werden. Für immer! Ich bekam keine Luft. Panisch griff ich mir an den Hals und versuchte zu atmen, aber es ging nicht. Mein Hals war wie zugeschnürt, meine Brust zu eng. Mein Herz raste und der Schweiß stand mir auf der Stirn. Meine Hände verkrampften und mein Brustkorb hob und senkte sich immer schneller. Mir wurde schwindlig und ich drohte wegzugleiten.

»Wie traurig. Arme kleine Alice, flattert wie ein verängstigtes Vögelchen.« Verwirrt blickte ich auf und sah eine gestreifte dicke Katze auf einen Baum liegen. »Du hyperventilierst, du musst langsamer atmen.« Sagte sie mit merkwürdig schnurrender Stimme. Die dicke Katze sprang elegant von ihrem Baum und landete direkt vor mir. Ruhig setzte sie sich mit peitschendem Schwanz vor mich hin und starrte mich an. Werde ich verrückt? Sprach diese Katze etwa mit mir? Kann man Schwachsinn erben?

»Oh, Grandma, warum nur? Warum tust du mir das an?« Von der Verrücktheit des Augenblicks, vergaß ich vollkommen meine Atemprobleme. Die Katze legte ihren Kopf schief und sah mich irgendwie merkwürdig an.

»Da freut sich aber der Märzhase. Verrückte sind nie gerne allein.«

»Ich bin nicht verrückt!«, sagte ich entschieden. »Oder vielleicht doch?«, fragte ich zweifelnd.

»Wer weiß? Diese Entscheidung obliegt Absolem.« Sagte sie entschieden.

»Wem?« Unterhielt ich mich gerade wirklich mit einer Katze?

»Du bist genauso dumm wie früher Alice!«

»Ich bin nicht dumm! Und ich heiße nicht Alice! Mein Name ist Lucilla Kingsleigh und Alice war meine Grandma!«

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